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Es gibt Tage, Situationen oder Phasen, in denen alleine der Autismus meinen Alltag bestimmt. Mich an meine Grenzen bringt. Mich handlungsunfähig macht.
In einer solchen Phase befinde ich mich seit der Rückkehr aus dem Urlaub vor achtzehn Tagen, welche mit einem Wasserschaden in der Küche begann. Die Koffer mit schmutziger Wäsche blieben im Auto. Am liebsten möchte ich in ein Hotel gehen, bloß nicht in meiner Wohnung schlafen, die erst einmal entwässert werden muss, obwohl ich nach der achtstündigen Autofahrt viel zu müde dafür bin. Zuerst muss ich den Installateur anrufen, damit jemand dafür sorgt, dass das Wasser nicht weiter aus dem defekten Rohr auf den Fußboden plätschert.

Tagelang bin ich in meinem Handeln blockiert, kann an nichts anderes denken als an das Wasser in der Küche und die fremden Handwerker, deren wiederholte Anwesenheit mich überfordert. Vier Tage lang gibt es kein warmes Wasser, kein Duschen, kein Haare waschen.
Stattdessen Chaos – in meiner Küche und in meinem Kopf.
Während das Chaos in der Küche nach vier Tagen fast vollständig beseitigt ist, bleibt das Chaos in mir. Ich muss erst einmal wieder Struktur schaffen. Normalität. Saubere Wäsche. Rückkehr zu den Alltagsroutinen. Ruhe. Und mich auf meine Lesung vorbereiten, obwohl die Zeit dazu sehr knapp ist. Nicht nur für die Vorbereitung, sondern auch für die Freude, die unverarbeitet in mir bleibt. So wie das Chaos des Wasserschadens.

Die Veranstaltung zum Welt-Autismus-Tag in der Johannesschule in Bonn ist interessant, Aber auch sehr laut, lang und voller Eindrücke, die mich erschöpfen. Es ist nicht die Lesung, die mich anstrengt, sondern es sind die vielen Menschen, das Händeschütteln und die Gespräche mit jenen, die ich bisher nur aus dem Internet kenne und die plötzlich vor mir stehen. Wie soll ich mir ihre Gesichter merken und die dazugehörigen Namen? Wie meine Aufmerksamkeit teilen, ohne unhöflich zu erscheinen? Am Ende wird alles zu viel. Vor allen Dingen die Unruhe in dem großen Saal, die es mir unmöglich macht, dem letzten Vortrag zu folgen. Die Unruhe der Menschen überträgt sich auf meine Hände. Ich kann nicht mehr ruhig sitzen. Ich muss nach Hause, bevor ich meine Bewegungen nicht mehr kontrollieren kann.

Auf der Rückfahrt spüre ich, dass ich dringend Ruhe brauche. Viel Ruhe. Und Zeit, das Erlebte der letzten Tage erst einmal zu verarbeiten. Es ist kein Platz mehr in meinem Kopf für neue Eindrücke. Mein Körper ist verkrampft. Mein Nacken und beide Arme schmerzen. Ich muss mich zurückziehen. Abschalten. Schlafen. Wenn ich in dieser Phase nicht zur Ruhe komme, stehe ich unter einer permanenten Anspannung und muss viel Kraft aufwenden, um weiter funktionieren zu können. Jedes Geräusch, jeder Geruch ist ein Zuviel an Reizen und bringt mich an meine Grenzen.

Doch es gibt keine Ruhe, sondern stattdessen einen nächsten Stressfaktor.
Einen neunstündigen Drehtag für eine Fernsehsendung zum Thema Autismus.
Das bedeutet: fremde Menschen, Hektik und das Aufsuchen von Orten, die für mich Stress bedeuten. Ich muss reden, viel reden und immer wieder Fragen beantworten. Das kann ich aber nur, wenn ich versuche, alles andere um mich herum auszublenden und mich nur noch auf das Interview zu konzentrieren. Doch der in diesem Moment notwendige Tunnelblick funktioniert nicht, wenn die Umgebung fremd ist und die Menschen um mich herum ständig gestikulieren und ich diese Form der Kommunikation kaum verstehe. Ich bin zu dem Zeitpunkt nicht mehr in der Lage zu reagieren. Zum Glück ist sie dabei. Sie ist es auch, die Stopp sagt und mich aus der Situation herauszieht, als sie spürt, dass ich erschöpft und überfordert bin, dass nichts mehr geht und ich kurz vor einem Overload bin.
Die Fahrt mit der U-Bahn zur Hauptverkehrszeit ist ein Zuviel. Ich sitze in dem Wagen ganz hinten und habe die Augen geschlossen, um mich so zumindest vor den visuellen Reizen zu schützen. Ich bin erstarrt. Kann nur noch auf Anweisungen reagieren. Ohne diese würde ich sitzenbleiben und weiterfahren.
Am Abend bin ich zu erschöpft, um einschlafen zu können. Selbst das Hin- und Herwühlen mit dem Kopf beruhigt mich nicht. Ich weine, weil ich nicht zur Ruhe komme und diese doch so dringend benötige. Erst, nachdem ich noch eine zusätzliche, halbe Dosis meiner Beruhigungstropfen genommen habe, schlafe ich völlig verkrampft ein.

Die nächsten beiden Tage bin ich handlungsunfähig. Ich fühle mich leer. Das ist eine Steigerung der Erschöpfung und eine Phase, in der ich mich nicht mitteilen kann, weil ich mich nicht fühle und meine Gedanken erst neu ordnen muss. Ich habe mein Ich auf die Minimalfunktionen heruntergeschraubt. Was ich nun brauche, ist die Wiederherstellung der Alltagsstruktur. Normalität. Keine Abweichungen mehr.
Sogar die Bewilligung der Fernschule für meinen Sohn überfordert mich, weil sie zu einem unerwarteten Zeitpunkt kommt und wieder Veränderung bedeutet. Ich muss erst Ordnung schaffen in meine Gedanken und das Erlebte der letzten beiden Wochen verarbeiten.
Das darf nicht noch einmal durch neue Ereignisse aufgeschoben oder durcheinandergebracht werden.

Als sie mich am Freitagmorgen anruft und unseren Termin kurzfristig absagen muss, bricht alles über mir zusammen. Die gerade errichtete Alltagsstruktur ist wieder zerstört. Keine Routine – kein Halt. Ich erstarre. Bin unfähig aufzustehen und etwas zu tun.
An solchen Tagen spüre ich, wie sehr mich mein Autismus behindert. Wie er mich im Griff hat und mich im Alltag einschränkt. Manchmal bin ich wütend auf mich, dass Kleinigkeiten wie ein abgesagter Termin so ein Riesenchaos in mir auslösen können. Und noch wütender darüber, dass ich dieses Riesenchaos nicht verhindern kann.

Langsam löst sich das Erstarren und ich finde wieder Worte. Und mit den Worten einen Anfang, die Ereignisse der letzten Wochen endlich zu verarbeiten und so die Ordnung in meinem Kopf wiederherzustellen.