Schlagwörter

, , ,

Am 02. April ist wieder Welt-Autismus-Tag. Ein Tag, der 2008 von der UNO initiiert wurde, um weltweit aufzuklären darüber, was Autismus ist und um Ängste und Hürden abzubauen, die auf Grund mangelnder Kenntnis in der Gesellschaft noch immer sehr groß sind und ein Miteinander häufig erschweren. Unwissenheit behindert Akzeptanz.
Wenn ich den Suchmaschinen „Welt-Autismus-Tag“ eingebe, finde ich neben der in die deutsche Sprache übersetzte Definition der UNO nur sehr wenig Informationen. Ebenso sieht es mit der Präsenz in den Medien aus – leider auch mit Veranstaltungen oder besonderen Aktionen der zahlreichen Autismus-Regionalverbände. Größere Informationsveranstaltungen wie die des Vereins „Leben mit Autismus Bonn und Rhein-Sieg-Kreis e.V“ oder dem in diesem Jahr zum ersten Mal stattfindenden Leipziger Autismus-Tag (LunA) gibt es nur wenige. Oder es fehlt die überregionale Verbreitung von Informationen über geplante Aktionen im Internet und in der Presse. Und damit auch das Erreichen möglichst vieler Menschen. Was es nicht gibt, ist eine bundesweite Kampagne zum Beispiel in Form eines Plakates. Vereinzelt haben sich Regionalverbände der Aktion „Light it up blue“ der amerikanischen Organisation Autism Speaks angeschlossen. Aber viele AutistInnen (ich eingeschlossen) und Angehörige autistischer Menschen distanzieren sich von Autism Speaks, weil sich die Organisation in erster Linie mit der Erforschung der genetischen Ursachen von Autismus und möglicher Heilungsmethoden beschäftigt und die Meinung vertritt, dass Autismus ein Feind ist, welcher bekämpft werden muss. Eine solche Haltung finde ich diskriminierend und im Hinblick auf die Pränataldiagnostik sehr bedenklich. Eine Aktion oder Veranstaltung zum Welt-Autismus-Tag soll die Interessen der AutistInnen vertreten und auf jene in der Gesellschaft aufmerksam machen. Damit kehre ich zu meiner Ausgangsfrage zurück.

Warum gibt es so wenig Öffentlichkeitsarbeit?
Und warum wird den Veranstaltungen, die anlässlich des Welt-Autismus-Tages stattfinden, nicht mehr Interesse seitens der Medien geschenkt?
Ein solcher Tag macht doch nur dann Sinn, wenn Stimmen laut werden und die Gesellschaft aufmerksam gemacht wird auf bestehende Missstände zum Beispiel bei der Beschulung autistischer Kinder oder bei der Vermittlung autistischer Jugendlichen und Erwachsenen auf dem Arbeitsmarkt. Wichtig hierfür wäre eine bundesweite Vernetzung von Vereinen, Fachleuten und Interessierten, die sich mit dem Thema Autismus auseinandersetzen. Unabdingbar ist das Miteinbeziehen der Menschen, um deren Belange es geht. Bis heute sitzen nur wenige AutistInnen in Vorständen von Autismusvereinen, obwohl es dort um ihre Interessenvertretung geht. Auf Fachtagungen und Veranstaltungen gibt es mittlerweile einige autistische ReferentInnen, die Autismus aus ihrem persönlichen Erleben heraus erklären. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das Interesse an der autistischen Innensicht sehr groß ist, weil sie einen tieferen Einblick in das autistische Sein gewährt als eine ausschließliche Vermittlung von theoretischem Fachwissen.

Doch egal, ob Innensicht oder Fachwissen, Aufklärung tut Not angesichts bestehender Klischees über Autismus, die sich hartnäckig halten und dazu führen, dass sich viele autistische Menschen im Alltag ständig rechtfertigen müssen, weil sie nicht in das gängige Bild vom nicht sprechenden, geistig behinderten oder dem hoch- oder inselbegabten Autisten passen. Sowohl Eltern autistischer Kinder als auch spät diagnostizierte Erwachsene bemängeln, dass sie nach erfolgter Diagnose allein gelassen werden, dass Bürokratie und lange Wartezeiten häufig die notwendige Unterstützung (Schulbegleitung, Therapie, Betreuung, persönliche Assistenz) verzögern und autistische Menschen damit an der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben gehindert werden. Viele AutistInnen wünschen sich, dass sie in Entscheidungen mit einbezogen werden und das diese nicht über ihre Köpfe hinweg getroffen werden. Dass man mit ihnen spricht statt lediglich über sie. Dass es (mehr) Interessenverbände gibt, die sich für die Belange autistischer Menschen einsetzen – vor allen Dingen auf politischer Ebene.

Damit wir laut werden können, sind viele von uns aber auf Unterstützung angewiesen. Ich auch.
Zwar halte ich seit zwei Jahren Vorträge über Autismus, vor allen Dingen auch auf der Informationsveranstaltung in Bonn anlässlich des Welt-Autismus-Tages, aber das schaffe ich nur, weil mich Menschen unterstützen, in dem sie mich zu den Vorträgen begleiten und für mich die notwendigen Kontakte herstellen. Ich kann nicht einfach das Telefon in die Hand nehmen und mit fremden Menschen Gespräche über mögliche Vorträge führen oder Termine für Lesungen aus meinem Buch vereinbaren. Auch per Mail gelingt mir das nur bei konkreter Anfrage. Mein Blog macht es mir möglich, einige Menschen zu erreichen. Mittlerweile gibt es viele autistische BloggerInnen, die auf diese Weise über Autismus aufklären und informieren. Und die Ende letzten Jahres laut geworden sind, als in der Medienberichterstattung über den Amoklauf in Newtown ein kausaler Zusammenhang hergestellt wurde zwischen Autismus und Gewalttaten. Aber auch da hätte ich mir mehr Unterstützung aus den Reihen der
Autismusverbände gewünscht. Nicht nur eine schriftliche Stellungnahme des Bundesverbandes autismus Deutschland e.v. Immerhin haben wir es mit unserem Protest geschafft, dass einige Zeitungen und regionale Radiosender über unsere Kritik an der Medienberichterstattung berichtet haben.

Und genau das wünsche ich mir für den Welt-Autismus-Tag auch.
Dass darüber berichtet wird und die Menschen in Deutschland bundesweit informiert und aufgeklärt werden darüber, was Autismus ist. Dass es vorab Ankündigungen von den stattfindenden Veranstaltungen in den Medien und im Internet gibt und die Presse einmal vor Ort präsent ist und über die Aktionen und Vorträge berichtet.