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Durch soziale Kontakte dem Autismus entkommen?

Wie sich das anhört – dem Autismus entkommen.
Vor allen Dingen im Zusammenhang mit der fettgedruckten Überschrift des von mir zitierten Interviews bei dradio.de: „Autismus kein lebenslanges Schicksal“.
Demnach muss Autismus etwas Schreckliches sein, etwas, dem man unbedingt entkommen sollte. Entkommen klingt nach Flucht. Flucht vor einem Unglück, einer Katastrophe. Ist Autismus eine Katastrophe? Sehen Außenstehende im Autismus eine Katastrophe, der man als autistischer Mensch unbedingt entkommen muss und in der Therapie die einzige Möglichkeit, dieses Ziel langfristig zu erreichen? Werden AutistInnen gefragt, ob sie ihrem Autismus überhaupt entkommen möchten? Ob sie ihn genauso schlimm empfinden, wie es einige Außenstehende offensichtlich tun? Und sind die Menschen, über die hier berichtet wird, wirklich ihrem Autismus entkommen, so, wie es der Autor beschreibt? Ich habe da große Zweifel. Zweifel daran, dass es ausreicht, soziale Kontakte zu haben, um seinem Autismus entkommen zu sein.

Eine Studie soll diese These belegen

Eine neue Studie des Psychologischen Instituts der University of Connecticut soll belegen, „dass vor allem gute soziale Kontakte die Chancen erhöhen könnten, dem Autismus zu entkommen“. Gleichzeitig wird aber von Prof. Deborah Fein, deren Team die Studie durchgeführt hat, in dem Interview darauf hingewiesen, dass die Kinder, die aus dem Autismus heraus wuchsen, im stereotypen Verhalten und in der sprachlichen Kommunikation genauso schlecht waren wie Betroffene, die lebenslang autistisch bleiben. Die erste Frage, die ich mit hier stelle, ist die, wie Frau Fein darauf kommt, dass Menschen, die nach wie vor typisch autistisches Verhalten zeigen, ihrem Autismus entkommen sein sollen? Autismus reduziert sich doch nicht ausschließlich auf die Schwierigkeit, soziale Kontakte herzustellen und halten zu können. Selbstverständlich kann ein gut funktionierendes, soziales Netz autistischen Menschen helfen,
sich in einem nichtautistischen Alltag besser zurecht zu finden und teilhaben zu können am gesellschaftlichen Leben, zumindest in dem Rahmen, wie es von AutistInnen gewünscht ist.
Denn ein Zuviel an Sozialkontakten kann auch sehr schnell zu einer Überforderung führen und damit zu einem Rückzug. Das Pflegen von sozialen Kontakten hat auch immer etwas mit Anpassung zu tun. Einer Anpassung, die Stress bedeutet. Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, welche Anpassungsleistung AutistInnen jeden Tag leisten.

Zauberei oder Kompensation

Leider erfährt man in dem Interview nicht, welche Faktoren ausschlaggebend waren für die Verbesserung oder dem Verschwinden der Schwierigkeiten im Bereich der sozialen Kontakte. Der Verfasser des Textes schreibt zu Beginn nur, dass immer wieder Fälle von Autisten beschrieben worden sind, die ihre Probleme in den Griff bekamen. Manchmal aufgrund von Therapie und Übung, manchmal quasi von selbst.
Quasi wie von selbst, das hört sich an wie Zauberei. Hokus Pokus Fidibus, weg sind die typisch autistischen Merkmale, die zuvor zu der Diagnose Autismus geführt haben. Weg, wie von Zauberhand.
Oder sind es doch „nur“ Kompensations- und Anpassungsstrategien, die sich autistische Menschen im Laufe ihres Lebens angeeignet haben, um nicht aufzufallen in einer nichtautistischen Welt, die Anderssein noch immer viel zu wenig akzeptiert?
Und kann die Kompensation, also der Ausgleich von Defiziten, dazu führen, dem Autismus zu entkommen? Sicher nicht. Auch, wenn es nach außen hin so scheint. Vielleicht sind es die Wunschvorstellungen einer Gesellschaft nach dem normierten Menschen, die in der Kompensation und lebenslangen Anpassung ein Entkommen sieht nach dem Motto „Was ich nicht mehr sehe, existiert auch nicht mehr“. Leider ist das aber ein Trugschluss. Denn auch, wenn ich als Autistin in der Lage bin, mich durch Anpassung für einen gewissen Zeitraum unauffällig zu verhalten, so bleibe ich dennoch autistisch.

10 bis 25 Prozent aller Betroffenen können aus dem Autismus heraus wachsen

Das sind allerdings nur Schätzungen, die Frau Fein anhand ihr vorliegenden Informationen getroffen hat. Einige Wissenschaftler würden sogar davon ausgehen, dass 40 Prozent aller Menschen mit einer Autismusdiagnose aus ihrem Autismus heraus wachsen könnten. Dies hält sie selber aber für übertrieben.
Mich interessiert weniger die Prozentzahl, sondern mehr die Frage, was die Wissenschaftler inklusive Frau Fein exakt unter einem Herauswachsen aus dem Autismus verstehen. Frau Fein bezog sich in dem Interview ja lediglich auf die sozialen Defizite und betont, dass sich stereotype Verhaltensweisen und die sprachliche Kommunikation nicht verbessert haben, sondern dass die Defizite in den beiden Bereichen weiterhin im gleichen Mass vorhanden waren wie in der Vergleichsgruppe der Menschen, die laut ihrer Aussage, lebenslänglich autistisch bleiben. Sie verweist aber auch darauf, dass es sich hier nur um erste Ergebnisse handelt, die durch weitere Untersuchungen noch bestätigt werden müssen.

Meiner Meinung nach sollte man sehr vorsichtig mit einer These umgehen, dass sich Autismus heraus wachsen kann. Richtig ist, dass AutistInnen lernen können, im Alltag besser mit ihren Schwierigkeiten umzugehen. Aber auch das kann langfristig nur gelingen, wenn der Blick nicht nur auf ihre Defizite gerichtet wird, sondern auch die Stärken hervorgehoben werden und autistische Menschen so akzeptiert werden, wie sie sind – nämlich autistisch.
Autismus ist kein schreckliches Schicksal, dem man unbedingt entkommen muss. Genau das beschrieb Jasmine O´Neill schon 2001:

Der Autismus an sich ist keine Hölle. Die Hölle entsteht erst durch eine Gesellschaft, die sich weigert, Menschen zu akzeptieren, die anders sind als die Norm, oder diese Menschen zur Anpassung zwingen will.