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Ich hätte ihn besser nicht gelesen, diesen Artikel bei dradio.de. Denn was ich dort finde, ist nicht gut für meinen Blutdruck. Die Medien schaffen es immer wieder, Humbug zu schreiben über das, was Autismus angeblich ist. Schon die Überschrift verheißt nichts Gutes.

Autismus wird zur Trenddiagnose

steht dort fettgedruckt und im nächsten Satz darunter ist sogar von einer ständig steigender Zahl vermeintlich Betroffener die Rede. Vermeintlich betroffen? Was will Herr Mirko Smiljanic den LeserInnen mit dieser Aussage vermitteln? Dass es immer mehr Menschen gibt, die nur fälschlicherweise eine Autismusdiagnose haben? Dass sich immer mehr Ärzte irren, wenn sie Autismus diagnostizieren? Dass viele AutistInnen nur eine Diagnose bekommen haben, weil Autismus gerade in ist? Über die Frage, ob Autismus eine Modediagnose ist, habe ich bereits am 06. Februar einen Beitrag in meinem Blog geschrieben. Daher möchte ich mich dazu hier nicht weiter äußern, weil ich mich nur wiederholen würde. Dabei fürchte ich, dass man es nicht oft genug wiederholen kann. Solange, bis Aussagen wie diese endgültig aus allen Zeitungen und Zeitschriften verschwunden sind.

Und wieder Rainman

Des weiteren bedient sich der Autor des Artikel wieder des Rainman-Fotos. Hierüber habe ich meinen Beitrag zu den Blogger-Themen-Tagen geschrieben. Darum an dieser Stelle nur ein Hinweis an alle Medienmenschen:
„Autisten sind keine Regenmänner!“
Mit diesem Bild wird den Menschen suggeriert, dass das in dem Film dargestellte Verhalten autismustypisch ist. Das Betrachten des Fotos löst bei den LeserInnen, die Rainman gesehen haben, automatisch einen Aha-Effekt aus. Autisten – das sind doch die, die Streichhölzer auf dem Boden zählen und Telefonbücher auswendig lernen. Nein, das sind wir eben nicht! Die wenigsten AutistInnen lernen Telefonbücher auswendig oder wissen auf Anhieb, wie viele Streichhölzer auf dem Boden liegen, wenn die Schachtel hingefallen ist.

Schuld der Medien an der steigenden Zahl von Autismus-Diagnosen?

Im weiteren Verlauf des Artikel erfährt man, dass die Medien Schuld seien an der steigenden Zahl der mit Autismus diagnostizierten Menschen. Warum? Ganz einfach – weil sie zu positiv über das Thema Autismus berichten. Sollte mir da etwas entgangen sein?
Die letzten Berichte in den Medien haben sicher alles andere vermittelt als ein positives Bild von Autismus. Herr Smiljanic stellt einen kausalen Zusammenhang her zwischen einer angeblich positiven Berichterstattung und der steigenden Zahl diagnostizierter Autismus-Spektrum-Störungen.
Wie das funktionieren soll, erschließt sich mir nicht. Schließlich werden die Diagnosen von FachärztInnen gestellt und nicht durch die Medien.

Autismus – eine Krankheit mit schweren hirnorganischen Leiden?

Aber es kommt noch schlimmer.
Autismus-Störungen seien ganz eindeutig Krankheiten, die mit schweren hirnorganischen Leiden einhergehen. An dieser Stelle möchte ich laut schreien. Nicht wegen des Leidens, was hier mit Autismus in Verbindung gebracht wird, sondern wegen des Inhaltes dieser Aussage. Autismus ist keine Krankheit! Auch das muss man offensichtlich immer und immer wieder wiederholen. Zudem möchte ich wissen, was der Autor unter einem hirnorganischen Leiden versteht. Mein Hirn leidet nicht. Dem geht es sogar sehr gut.

Sind Fähigkeiten von autistischen Menschen pathologisch?

Und es geht weiter.

Hinzu kommt, dass viele pathologische Eigenschaften von Autisten sozial durchaus erwünscht sind. Wer sich detailreich mit dem Thema Erderwärmung auskennt, wer die Primzahlen zwischen Null und einer Million auswendig kennt, kann auf Partys durchaus Pluspunkte sammeln.

Da haben dann die meisten AutistInnen wieder Pech gehabt und werden keine Pluspunkte auf Partys sammeln, wenn sie überhaupt jemals eine solche besuchen werden. Denn, Herr Smiljanic, Sie werden selten einen autistischen Menschen auf einer Party antreffen. Und, wie bereits im Zusammenhang mit dem Rainman-Foto erwähnt, verfügen nicht alle AutistInnen über so außerordentliche Fähigkeiten, wie die, Primzahlen zwischen Null und einer Million auswendig zu können. Ich kenne sehr viele AutistInnen, aber nur einen, der diese Fähigkeit besitzt – Daniel Tamett. Erklärt haben möchte ich allerdings, warum Sie diese Eigenschaften pathologisch, also als krankhaft bzw. abnorm bezeichnen.
Abgesehen davon wird auch niemand eine fachärztliche Autismusdiagnose erhalten, nur weil er sich mit dem Thema Erderwärmung außergewöhnlich gut auskennt. Möglich, dass jemand glaubt, auf Grund dessen autistisch zu sein. Aber ein Glaube macht noch lange keine Diagnose. Und die wenigsten werden deshalb einen Facharzt aufsuchen, zumal die Wartezeiten für eine Diagnostik sehr lang sind.

Geistige Behinderung oder Hochbegabung

An dieser Stelle hätte ich spätestens aufhören sollen zu lesen. Leider habe ich es nicht getan. Es folgen erst einmal wieder die Klischees vom Autismus als geistige Behinderung oder in Bezug auf das Asperger-Syndrom von der Hochbegabung. Da heißt es: „dass es für manche Eltern leichter ist, zu sagen, mein Kind hat Autismus als es hat eine geistige Behinderung“. Es gibt keinen kausalen Zusammenhang zwischen Autismus und einer geistigen Behinderung. Autistische Kinder, die auch geistig behindert sind, haben eine Mehrfachbehinderung. Nicht jedes autistische Kind ist automatisch geistig behindert und von den geistig behinderten Kindern ist nur ein geringer Teil auch autistisch.
Und Menschen mit der Diagnose Asperger-Syndrom sind nicht grundsätzlich hochbegabt, obwohl das häufig so assoziiert wird. In vielen Publikationen und so weiter, so der Verfasser dieses Artikels. Was er mit „und so weiter“ meint, erfahre ich als Leserin nicht. Eine sachlich fundierte Aussage klingt anders.

Die Zahl der Diagnostizierten steigt und dennoch gibt es noch viele Nichtdiagnostizierte

Zur Erklärung, warum die Zahl der mit Autismus diagnostizierten Menschen stetig steigt, folgt die Aussage, dass auf der einen Seite vielerorts Personen, die durchaus die Diagnose haben, noch nicht erkannt werden, weil zu wenig Wissen über das Krankheitsbild da ist. Von dem Wort Krankheitsbild abgesehen wundere ich mich über diesen Satz, weil dieser doch das Gegenteil von dem vermittelt, was der Autor mit seinem Artikel sagen wollte, nämlich dass die Zahl der Autismusdiagnosen eigentlich noch viel höher sein müsste, weil es immer noch viele Nichtdiagnostizierte gibt. Außerdem bleibt er der Leserschaft schuldig, was auf der anderen Seite erfolgt.
Dafür liefert er aber ein tolles Resümee.

Autismus ist nichts weiter als eine vergleichsweise harmlose Verhaltensstörung, die sich mit der Zeit auswächst.

Hier muss ich ironisch werden, weil ich eine solche Aussage nicht ernst nehmen kann und will. Autismus wächst sich nicht aus, Herr Smiljanic. Ich weiß nicht, woher Sie diese Aussage haben. Es gibt einige Ärzte, die Eltern mit Sätzen wie diesem vertrösten wollen.
„Machen Sie sich nicht zu große Sorgen, das wächst sich aus.“
Dann stellt sich mir die Frage, warum es so viele Erwachsene mit einer Autismusdiagnose gibt. Haben die das Auswachsen verschlafen? Oder haben sie sich einfach nur geweigert?
Viele AutistInnen entwickeln im Laufe ihres Lebens Anpassungsstrategien, so dass sie auf den ersten Blick nicht auffallen. Autistisch sind sie deshalb trotzdem noch und niemand weiß, wie lange man es durchhält, sich ständig anzupassen.

Inwieweit es sich bei Autismus um eine vergleichsweise harmlose Verhaltensstörung handelt, erfahren wir in dem Artikel nicht. Ich möchte mich dazu nicht äußern, weil dieser Beitrag sonst den Rahmen sprengen würde.