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Langsam reicht es. Erst zwei Monate ist es her, dass AutistInnen in den Medien durch den Amoklauf in Newtown zu gefühlskalten MassenmörderInnen gemacht wurden, in dem durch die Berichterstattung ein kausaler Zusammenhang hergestellt wurde zwischen Gewalttaten und dem Asperger-Syndrom. Und das, obwohl es keine fachärztliche Stellungnahme darüber gab, ob der Täter tatsächlich Autist war. Die Aussage basierte lediglich auf Mutmaßungen aus dem sozialen Umfeld des Täters. Aber diese Mutmaßungen reichten aus, um aus AutistInnen potentielle Amokläufer und Mörder zu machen.

Die Medienberichterstattung und Autismus 

Der Artikel in der Spiegel-Online-Ausgabe vom 15. Dezember 2012 mit der Schlagzeile „Asperger-Syndrom: Blind für die Emotionen anderer Menschen“ löste eine Welle von Protesten aus – vor allen Dingen aus der Reihe autistischer BloggerInnen. Viele Eltern autistischer Kinder befürchteten eine zunehmende Stigmatisierung und die Gefahr von Mobbing in der Schule.
Mein Blogbeitrag zu dem Thema „Mein Name ist Sabine und ich bin keine Massenmörderin“ hatte innerhalb von drei Tagen über 11.000 Zugriffe. Bei vielen anderen BloggerInnen, die sich über diese Form der Berichterstattung kritisch äußerten, waren das Interesse und der Zuspruch ähnlich groß. Im Verlauf der öffentlichen Diskussion gab es einige Medien, die über unseren
Protest berichteten.

Nachdem etwas Ruhe eingekehrt war, sorgte die Münchener Abendzeitung am 26. Januar diesen Jahres im Zusammenhang mit einem Mord erneut für einen Aufschrei.
Wieder wurde bei der Berichterstattung über den kaltblütige Mord an einer Frau ein kausaler Zusammenhang mit dem Asperger-Syndrom hergestellt und das nur auf Grund folgender Äußerung einer Nachbarin: „Meines Wissens war er krank. Ich glaube, er litt unter Autismus. Er ging auch auf eine Förderschule.“ Genauso stand es in dem Artikel. Lesbar für alle, dass es wieder einen Mörder gab, der autistisch war, obwohl es auch dieses Mal keine Stellungnahme eines behandelnden Arztes hierzu gab.

Stigmatisierung von Autismus im ZDF-Montagskrimi

Und nun, einen weiteren Monat später, erscheint erneut ein autistischer Mordverdächtigter in den Medien. Dieses Mal nicht in einer Zeitung, sondern im Montagskrimi des ZDF „Unter anderen Umständen: Der Mörder unter uns“. Fast scheint es, als hätte der Amoklauf in Newtown als Vorlage zu diesem Krimi gedient, in dem ein gefühlskalter Autist unter Mordverdacht steht. Die Welt hat in ihrem heutigen Artikel „Stigmatisierung von Autisten in ZDF-Krimi“ Kritik geübt an dem unsensiblen und klischeehaften Umgang mit dem Thema Autismus in dem Krimi und Herr Nolte, der Fachreferent von autismus Deutschland e.V. hat angekündigt, sich beim Sender zu beschweren, da sich „das ZDF, als öffentlich-rechtlicher Sender, einer besonderen Sorgfaltspflicht und natürlich auch einer dementsprechend größeren Verantwortung bewusst sein sollte.“

Bleibt zu hoffen, dass die Beschwerde Erfolgt hat und sich endlich etwas ändert in den Köpfen der Verantwortlichen. Ich werde auf jeden Fall so lange hier in diesem Blog auf diese Missstände aufmerksam machen, bis die Medien sich dem Thema Autismus in adäquater Form widmen und – das wäre mein größer Wunsch – uns mit einbeziehen in ihre Berichterstattung und nicht nur wie bisher, auf der Basis oberflächlicher Recherchen über uns und das Thema Autismus schreiben.

Für heute bleibt mir nur an die Verantwortlichen des ZDF zu schreiben, dass ich sauer bin und enttäuscht und dass AutistInnen keine gefühlskalten GewalttäterInnen  und potentielle MörderInnen sind.

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Update

Auch die Neue Presse hat in einem Artikel die klischeehafte und mit Gewalt und Mord in Zusammenhang bringende Darstellung von Autismus in dem ZDF-Montagskrimi kritisiert.
Stigmatisierung von Autismus in ZDF-Krimi

Persönliche Anmerkung auf Grund einiger Nachfragen:

Für den Verlauf des Krimis war die Rolles des Autisten völlig irrelevant. Warum musste demnach das Thema Autismus überhaupt angesprochen werden und dann in der Weise, dass man sich in den wenigen Szenen, in dener der junge Asperger-Autists gezeigt wurde, sämtlicher Klischees bediente und damit ein Bild schaffte, welches ziemlich befremdlich war und sicher nicht hilft, Vorurteile abzubauen. Vorurteile, die in den letzten Monaten durch die Medienberichterstattung bereits entstanden sind und möglicherweise lange in den Köpfen der Menschen haften bleiben. Geraden dann, wenn das Bild vom gewaltbereiten Autisten immer und immer wieder gezeigt wird.
Der Krimi wäre auf jeden Fall ohne dieses Bild ausgekommen. Und da stellt sich mir die Frage nach dem Warum.