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Es hat sich etwas getan in den letzten drei Tagen seit Erscheinen des umstrittenen und heftig kritisierten Spiegel-Online Artikels über den Amoklauf in Newtown.
Viele Menschen haben mit Entsetzen darauf reagiert, dass in der Medienberichterstattung eine Verbindung zwischen Gewalttaten wie dem Massenmord und einer Autismus-Spektrum-Störung hergestellt wurde. Und das, obwohl es nicht einmal einen Ansatzpunkt für eine fachärztliche Diagnose gab und die Berichterstattung nicht auf Fakten, sondern lediglich auf Vermutungen und Aussagen von KlassenkameradInnen des Täters beruhte.

Nachdem sich viele AutistInnen zu Wort gemeldet und in ihren Blogs zu der fragwürdigen Berichterstattung Stellung bezogen hatten, folgten erste Veränderungen (z.B. von Schlagzeilen in der Online-Ausgabe des Kölner Stadtanzeigers oder in dem oben angeführten Spiegel-Online Artikel) und Ergänzungen, in denen man sich seitens der Presse mehr schlecht als recht um Wiedergutmachung bemühte.

Die Frankfurter Rundschau war die erste und bisher einzige (mir bekannte) Zeitung, die sich der laut gewordenen Kritik annahm und einen Artikel mit dem auf meinen Blogbeitrag basierenden Titel „Ich heiße Sabine und bin keine Mörderin“ dazu veröffentlichte.
Mein Dank geht an Jonas Nonnenmann, den Verfasser dieses Beitrags.

Dem aufkommenden Gefühl, durch unseren Protest etwas erreicht zu haben, folgte schnell die Ernüchterung in Form eines Artikels in der Bild-Zeitung. Beim Lesen der Schlagzeile musste ich zuerst lachen – Bild.de erklärt das Asperger-Syndrom.
Aha, dachte ich. Jetzt folgt das reißerisch vermittelte Halbwissen einer Boulevardzeitung. Aus dem Grund erschien unter der Schlagzeile direkt das Bild des Amokläufers, damit auch jedem der implizierte Zusammenhang deutlich vor Augen war.
Aber was danach kam, war schlimm (das Wort reicht eigentlich nicht, um das auszudrücken, was ich beim Lesen empfand). Ich stellte mir die Frage, ob man so etwas überhaupt ungestraft veröffentlichen darf. Ich fühlte mich tief verletzt, hilflos und durch die dort geschriebenen Worte stigmatisiert.
Das Einzige, was mir in dem Moment half, waren die vielen Menschen in den sozialen Netzwerken, die ebenso entsetzt waren und hinter mir und den vielen anderen AutistInnen standen, die in ihren Blogs gegen diese Form der Berichterstattung protestierten.

Der Verein „Autismus macht Schule e.V.“, dessen Gründungsmitglied ich bin, verfasste ein Statement zur aktuellen Berichterstattung, welches sowohl bei Facebook als auch auf dem vereinseigenen Blog „Autismus macht Schule“ veröffentlicht wurde.

Auch der Bundesverband „Autismus Deutschland e.V.“ gab eine Stellungnahme heraus, in der er auf das Schärfste verurteilt, „dass durch die Berichterstattung einzelner Medien über den furchtbaren Amoklauf von Newton der Eindruck eines kausalen Zusammenhanges entstanden ist bzw. medial impliziert wurde (Zitat).“

Aber sich in der Sicherheit zu wiegen, dass das Schlimmste nun überstanden sei, war falsch. Sozusagen zu früh gefreut. Es kam noch schlimmer. In Form eines bei presse.com veröffentlichten Interviews mit dem Gerichtspsychiater Reinhard Haller.
Zitat: „Es sind in der Regel keine psychisch kranken Menschen. Aber es sind in der Persönlichkeitsentwicklung gestörte Menschen. Es sind entweder neurotische, narzisstisch gekränkte Menschen oder solche, die ein Asperger-Syndrom aufweisen, sich also schwer in andere hineinfühlen können, gleichzeitig extrem kränkbar sind.“
Herr Haller, schlimmer geht es wohl nicht, oder? Wissen Sie überhaupt, was Sie mit solchen pauschalen Aussagen anrichten können? Da stelle ich mir die Frage, wer hier empathielos ist. Haben Sie als Psychiater nicht eine besondere Verantwortung gegenüber den Menschen, die Ihre Patienten sein könnten?

Am späten Abend, nach zwölf Stunden, die ich mit dem Lesen und Freisetzen der vielen Kommentaren und Pingbacks in meinem Blog beschäftigt war und mit dem Verfassen und Veröffentlichen von Stellungnahmen zu Medienberichten und der schriftlichen Kommunikation in den sozialen Netzwerken, war ich erschöpft.
Mein Blog hatte in den letzten beiden Tagen mit über 11.000 Klicks mehr Zugriffe als sonst in drei Monaten.

Das hat mit gezeigt, dass es richtig war, mit meiner Kritik an die Öffentlichkeit zu gehen.

So, wie es viele andere auch getan haben, um ihrer Wut und Verzweiflung Luft zu machen. Ich bin sehr froh, so viele Unterstützer zu haben. Menschen, die ebenso zu dem zweifelhaften Umgang der Medien mit dem Amoklauf in Newtown gebloggt haben und besorgte Eltern autistischer Kinder, die ihre Gedanken mitteilen wollten.
Es ist auch schön zu sehen, wie gut das soziale Netzwerk bei AutistInnen funktioniert.
Aber jetzt, nach drei Tage ununterbrochener Auseinandersetzung mit diesem Thema bin ich müde, erschöpft – und irgendwie auch hilflos. Was können wir noch tun, außer zu schreiben, damit die Medien endlich aufhören, immer wieder von einem kausalen Zusammenhang zwischen Autismus und Massenmorden zu schreiben.
Damit zerstören sie nicht nur jahrelange Aufklärungsarbeit.
Ich finde das Agieren einiger Medien verantwortungslos und diskriminierend.
Aber darüber machen diese Menschen sich keine Gedanken. Die Hauptsache ist, dass die Auflagenzahlen der Zeitungen und Zeitschriften stimmen.

Heute gab es dann noch eine gute Nachricht.
Die Spiegel-Online-Ausgabe vom 18.12.2012 hat sich nun auch in einem Artikel zu der Kritik an der Berichterstattung geäußert und plant, in der nächsten Woche in einem separaten Beitrag, Zitat: „das Thema Autismus noch intensiver und hintergründiger zu beleuchten, um klarzumachen, dass eine Stigmatisierung der Betroffenen falsch ist. Dabei sollen ausdrücklich auch Betroffene zu Wort kommen.“

Ich bin gespannt und werde – wie viele Andere – das Agieren der Presse weiterhin verfolgen und wieder laut werden, so lange, bis diese stigmatisierende Berichterstattung aufhört.

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Update

Die Piratenpartei hat sich in einem Statement auf ihrer Webseite kritisch zu dem Spiegel-Online Artikel geäußert.

Zitat: „Der Artikel erweckt beim oberflächlichen Lesen den Eindruck, es gebe einen Zusammenhang zwischen dem Amoklauf in Newtown und Autismus. Neben der Tatsache, dass es bei dem Täter keine Diagnose gab, suggeriert der Artikel Autismus als Ursache des Amoklaufs.“
… “ Aufgrund von Vermutungen in  einem Einzelfall einen Zusammenhang zwischen Autismus und dem Massenmord in Newtown oder Amokläufen generell herzustellen ist nicht zu akzeptieren. Mit dieser Art von Berichterstattung werden Menschen auf unverantwortliche Weise diskriminiert und von den eigentlichen Ursachen und Problemen abgelenkt.“

Der Artikel „Ich heiße Sabine und bin keine Mörderin“ aus der Frankfurter Rundschau wurde am 17.12.2012 auch in der Berliner Zeitung veröffentlicht.

In der Neuen Osnabrücker Zeitung erscheint am 18.12.2012 ein Artikel über den Protest gegen die vorverurteilende Berichterstattung:
Nach dem Amoklauf von Newtown wehren sich Autisten gegen Vorverurteilungen
Dort werden in einer abschließenden Aufstellung von Links zur Debatte im Netz auch einige Blogs aufgeführt, die sich mit dem Thema auseinandergesetzt haben.

DRadio Wissen brachte am 18.12.2012 einen Radiobeitrag zur aktuellen Berichterstattung mit dem Titel: „Medienhype und Medienschelte“, in dem auch aus meinem Blogbeitrag „Mein Name ist Sabine und ich bin keine Massenmörderin“ zitiert wurde.

Ein weiterer, guter Beitrag zu dem Thema wurde am 18.12. 2012 bei dasgehirn.info unter dem Titel „Amok, Asperger und vorschnelle Schlüsse“ veröffentlicht.

Auf Bayern 2 gab es am 19.12.2012 in der Sendung „Zündfunk“ einen Beitrag mit dem Titel: „Randaspekt des Newtown-Amoklaufs – Autisten unter Generalverdacht.“ Dort kommt die Bloggerin Autzeit zu Wort. In dem Artikel zu der Sendung werden außerdem weitere BloggerInnen – darunter auch aus meinem Blogbeitrag – zitiert.

Am 20.12.2012 gab es ein Interview bei egoFM mit Aleksander, dem Blogger von „Quergedachtes“ – Titel: „Das brennt sich in die Köpfe“

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Update 2013

Heute, am 05.02.2013 wurde ein weiterer Artikel über die Folgen des Amoklaufes in Newtown in den Westfälischen Nachrichten veröffentlicht:
Spätfolgen eines Massakers – Die Autistin Katrin wehrt sich gegen Vorurteile nach dem Drama in Newtown