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Heute ist ein Kein-Sonntag. Ein Sonntag, der kein Sonntag ist. Weil er nicht so ist wie ein Sonntag. Nicht so ist, wie jeder Sonntag, seit ich 1985 von meinem Elternzuhause ausgezogen bin. Ein Sonntag ist nur ein Sonntag, wenn ich den Nachmittag wie jeden Sonntag in meinem Elternhaus verbringe. Da ich heute Nachmittag nicht zu meinem Vater fahre, weil er am Nachmittag zu einem Konzert geht, ist heute ein Kein-Sonntag. Ein ritualloser Sonntag. 
Ein vaterloser Sonntag. Warum müssen Konzerte an einem Sonntagnachmittag stattfinden?

Ich mag Kein-Sonntage nicht.
Ihnen fehlt das Gewohnte, das seit siebenundzwanzig Jahren immer wiederkehrende Ritual des Elternhausbesuches. Ich wünsche mir, es gäbe sie nicht, diese Kein-Sonntage, an denen alles anders ist. Fremd. Abweichend. Ungeregelt. Beängstigend.
Wie soll ich einen Tag verbringen, der ein Kein-Tag ist? Einen Tag, an dem es keinen Eintrag auf dem Wochenplan im Flur gibt. Einen Tag, der ein ganzes Wochenende durcheinanderbringt.

Einen Kein-Sonntag möchte ich am liebsten verschlafen. Am Samstag nachts ins Bett gehen und erst am Montagmorgen wieder aufwachen. Aber so lange kann ich nicht schlafen. Mein Schlaf hat einen Rhythmus, den ich nicht einfach verändern kann, auch wenn ich nicht jeden Morgen minutengenau aufstehe. Außerdem würde mein Sohn mich daran hindern, den Kein-Sonntag im Bett zu überschlafen.

So stehe ich auf an diesem graunassen Kein-Sonntag und beginne den Morgen wie jeden anderen Morgen in der Woche mit einer Latte-Macchiato neben meinem Laptop und einem Butterbrot. Obwohl der Morgen dieses Kein-Sonntags genauso ist wie jeder andere Sonntagmorgen, fühlt er sich anders an.
Fremd. Abweichend.
Einen Moment lang so, als sei es ein Montagmorgen, da wir bereits gestern am Nachmittag bei meinem Vater waren. An einem Samstag. An einem Samstag, der dadurch auch anders war als alle anderen Samstage im Jahr.
Fremd. Abweichend.

Das ganze Wochenende ist durcheinandergeraten, nur weil dieses Konzert ausgerechnet an einem Sonntagnachmittag stattfindet. Aber während der Samstag zu einem vorgezogenen Sonntag geworden ist, geschieht an einem Kein-Sonntag nichts. Ich kann aus einem Sonntagnachmittag keinen anderen Nachmittag machen – nicht einfach tauschen.
Denn die Nachmittage in der Woche haben Termine. Termine die ich nicht auf den Sonntagnachmittag legen kann. So bleibt der Nachmittag eine Aneinanderreihung leerer Stunden. Stunden, die ich nicht füllen kann. Stunden, in denen ich immer wieder auf die Uhr schaue und darauf warte, dass es Abend wird und mit dem Tatort um 20.15 Uhr der Kein-Sonntag wieder zu einem ganz normalen Sonntag wird.