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Durch ein Blatt Papier plötzlich erwerbsgemindertes Ich zu sein fühlt sich fremd an, obwohl ich seit einem Jahr nicht mehr arbeite und sich mein Tagesablauf durch den Rentenbescheid nicht sehr verändern wird. Der einzige Unterschied liegt in der Endgültigkeit – der Endgültigkeit, einen Weg, der neunundzwanzig Jahre lang jeden Morgen Routine war, nie mehr gehen beziehungsweise fahren zu müssen.
Nein, nie mehr ist nicht richtig.
In dreieinhalb Stunden werde ich diesen Weg noch ein Mal gehen, um meine Sachen aus dem Büro zu holen und mein Jobticket und die Zutrittskarte zum Gebäude (so nennt mein Arbeitgeber die schäbige, weiße Plastikkarte, mit deren Hilfe sich die Tür zur Büroetage im ersten Stock öffnet) zurückzugeben.
Nach neunundzwanzig Jahren ist eine zweimalige, schriftliche Aufforderung zur schnellstmöglichen Rückgabe des Jobtickets und der Zutrittskarte zum Gebäude alles, was mir mein Arbeitgeber zum Ausscheiden aus der Firma zu sagen hat.

Ich bin froh, dass sie mich gleich begleitet und ich nicht alleine dorthin gehen muss. Ohne sie würde ich das nicht schaffen.
Sie wird reden, wenn ich nicht sprechen kann, weil mich die Situation überfordert. Für mich gibt es nichts mehr zu sagen. Ich mag den üblichen Smalltalk und die Bedauernsfloskeln bei Verabschiedungen nicht. Weil sie nicht ehrlich sind.
„Schade, dass Sie uns verlassen.“ So etwas sagen sie immer, auch wenn sie gerade vorher noch untereinander festgestellt haben, dass sie froh sind, wenn die betreffende Person endlich weg ist. Ich habe diese Unehrlichkeit in den ganzen Jahren, in denen ich dort gearbeitet habe, nicht verstanden. Und ich möchte nicht, dass sie etwas Ähnliches gleich zu mir sagen.
Am liebsten wäre mir, sie würden schweigen – so, wie sie seit meiner Krankmeldung vor einem Jahr schweigen – und mich gemeinsam mit ihr in Ruhe meine wenigen Sachen aus dem Schreibtisch räumen lassen. Es ist nicht viel, was sich von mir noch in den Schubladen befindet. Ein Teller, ein grüner Plastikbecher, etwas Besteck und zwei holzrahmige Bilder von meinem Sohn, die immer rechts und links neben dem Bildschirm auf meinem Schreibtisch gestanden haben. Neunundzwanzig Jahre, die in eine Plastiktüte passen.

Ich bedauere nicht, dass ich dort nicht mehr arbeite. Und ich vermisse auch meine Kolleginnen und Kollegen nicht. Sie sind schon seit einem Jahr nicht mehr Bestandteil meines Alltags und mir mittlerweile fremd mit ihren Gesichtern, die kein Bild in meinem Kopf haben.
Für mich war der Rentenbescheid eine Erleichterung. Eine Erleichterung, der permanenten Reizüberflutung im Büro, welches bis vor einem halben Jahr noch ein Großraum war, nie mehr ausgesetzt zu sein und einer Arbeit, die mich nicht gefordert hat.

Leider war mein ehemaliger Arbeitgeber trotz meiner Betriebszugehörigkeit seit 1982 und anerkannter Schwerbehinderung nicht bereit, den Arbeitsplatz meinen speziellen Bedürfnissen autismusgerecht anzupassen. Auch nicht nach Hinzuziehen des Integrationsfachdienstes als Vermittler. Ich sollte weiter so funktionieren wie bisher. Aber das konnte ich nicht. Ich hatte keine Kraft mehr. Blieb weiter krank geschrieben. Diagnose – Depression.
Daher habe ich mich Anfang des Jahres endgültig entschieden, die Erwerbsminderungsrente zu beantragen, die innerhalb von drei Monaten bewilligt wurde.