Schlagwörter

, , , ,

Fremd fühlt es sich an dieses erste Treffen mit ihr.
Ich bin verunsichert.
Und wie immer, wenn ich verunsichert bin, rede ich viel.
Vielleicht zu viel.
Ich weiß es nicht. Ich habe kein Gespür dafür, wie viel ich reden darf.
Aber so lange ich rede, gibt es etwas, woran ich mich festhalten kann.
Meine Stimme.
Sie ist mir vertraut.
Das einzig Vertraute in diesem Moment, der mir so fremd ist.
Der anders ist als sonst.

Ich habe mein Sein für diesen Termin auf Funktionieren programmiert.
Sie ist fremd. Fremden Menschen gegenüber muss ich funktionieren.
Auch, wenn es mir schwerfällt, weil das Funktionieren Kraft kostet und ich Angst davor habe, dass mich das Treffen überfordert und ich plötzlich schweige und erstarre.
Dass dann niemand da ist, der mir vertraut ist und weiß, was dieses Erstarren bedeutet und was ich in einer solchen Situation brauche. In einer Situation, in der ich hilflos bin, weil mir im Erstarren die Sprache fehlt, um mich zu artikulieren und vor falschen Reaktionen von Außen-Menschen zu schützen.
Sie ist ein Außen-Mensch.
Und als Außen-Mensch darf sie nicht in mein Innen-Sein dringen.
Aus diesem Grund achte ich auch die ganze Zeit darauf, dass sie die Kratzer auf meiner rechten Hand und dem Unterarm nicht bemerkt.
Ich habe am Morgen extra ein Shirt mit besonders langen Ärmeln angezogen, damit ich die verletzten Stellen verstecken kann. Sie sind Teil meines Innen-Seins über den ich mit ihr nicht sprechen kann, weil sie ein Außen-Mensch ist.

Sie sitzt mir gegenüber.
Ihre plötzliche, körperliche Nähe verunsichert mich.
Ich kann ihren Atem riechen und wie einen Luftzug auf meiner Haut spüren, wenn sie spricht.
Das erschwert es mir, sie reden zu lassen und mich auf ihre Worte zu konzentrieren.
Außerdem ist es sehr anstrengend, auf diese Distanz ihrem Blick auszuweichen.
Ich muss mir einen Punkt auf dem Tisch suchen, denn sobald ich meinen Kopf hebe, schaue ich direkt in ihr Gesicht. Da ist zu viel Nähe. Nähe, die fast unerträglich ist.
Nähe, die ich nur bei einem Innen-Menschen zulassen kann.
Ich weiß nicht, ob sie jemals ein Innen-Mensch wird.
Es gibt nur wenige Innen-Menschen in meinem Leben.
Menschen, bei denen ich so sein kann, wie ich bin und nicht funktionieren muss.

Heute muss ich funktionieren.
Und es gelingt mir ganz gut, weil zumindest der Ort ein vertrauter ist und ich jedes Detail kenne, so dass ich die Situation zu jedem Zeitpunkt kontrollieren kann.
Genauso, wie ich meine Hände kontrollieren kann und nicht zu kratzen beginne.
Nur sie ist es, die mir fremd ist. Sie, die diesen Termin zu einem Anders-Termin macht, der mir nicht die Sicherheit gibt, die jene Termine sonst haben.
Ich sehne mich nach dem „Sonst“ und dem angenehmen Gefühl des Vertrauten.
Erst das Vertraute wird die Unordnung in meinem Kopf beseitigen und wieder Struktur schaffen können in meine Gedanken und in meinen Wochenplan, der durch Kein-Termine oder Anders-Termine wie diesen durcheinander geraten ist.
Ich möchte gehen. Muss den Termin beenden, weil ich spüre, dass ich überfordert bin.
Dass ich nicht mehr lange funktionieren kann.
Dass ich Ruhe brauche und die Möglichkeit, mich zurück zu ziehen.
Ganz in mich zurück zu ziehen. Alleine zu sein.
Wieder ich zu sein.