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Ich muss telefonieren, obwohl ich nicht gerne mit fremden Menschen spreche und mich nicht vorbereiten kann auf mögliche Fragen, die sie mir stellen können. Da ist zu viel Ungewissheit.
Schon nach wenigen Sätzen bin ich erschöpft und kann mich kaum noch auf die unbekannte Stimme am anderen Ende der Leitung konzentrieren.
Aber ich muss funktionieren – ich muss.
Alle erwarten das von mir, haben es schon in meiner Kindheit immer von mir erwartet:
„Du musst dir nur ein bisschen Mühe geben. Wenn du es willst, dann schaffst du es auch.“
Also funktioniere ich, so weit es mir möglich ist, obwohl es mich überfordert.
Ich schäme mich dafür, dass ich so schnell überfordert bin und mir schon das Telefonieren derart schwer fällt, dass ich eine Pause einlegen muss, um erst einmal neue Kraft zu schöpfen.
Doch die Erschöpfung ist da und macht mich handlungsunfähig.
Ich kann kein weiteres Gespräch mehr führen. Es geht nicht.
Ich bin müde. Möchte nicht mehr reden. Das Reden ist zu anstrengend.
Zu viel. Alles ist zu viel.

Weg, einfach weg möchte ich von diesem Zuhause, welches mir keinen Platz bietet, mich zurück zu ziehen und unerreichbar zu sein.
Ich muss eine Pause machen, auch wenn vieles Unerledigte vor mir liegt und mich unter Druck setzt. Einen unerträglichen Druck, der schon wieder sichtbare Spuren auf meinen Händen hinterlassen hat, die ich zu verbergen versuche, damit ich mich nicht rechtfertigen muss.
Ich habe Angst. Angst, dass ich wieder diese Grenze erreiche, wenn ich nicht damit aufhöre, permanent funktionieren zu wollen, obwohl die Kraft dazu fehlt.
Ich muss die Wohnung verlassen und für ein paar Stunden unerreichbar sein.

Der Schritt bis dahin fällt schwer, weil ich müde bin und erschöpft.
Weil es für mich eine große Anstrengung bedeutet, eine spontane Entscheidung zu treffen.
Aber als ich im Auto sitze, spüre ich Erleichterung, je weiter ich mich von meinem Zuhause entferne. Auf der Autobahn bin ich unerreichbar.
Und die Musik lenkt ab von den Worten, die in meinem Kopf herum schwirren.
Weiter möchte ich fahren, immer weiter.
Doch ich habe mit meinem Sohn ein Ziel vereinbart. Einen vertrauten Ort.
Er braucht das genauso wie ich – einen vertrauten Ort. Etwas, woran wir uns festhalten können. Einen Ort, der Sicherheit gibt.

Trotzdem verfahre ich mich heute, habe auf einmal das Vertraute verloren.
„Mama, kennst du den Weg etwa nicht mehr?“, fragt mein Sohn und ich bin erschrocken, dass mir das Vertraute heute so fremd erscheint, dass ich mich darin für einen Moment nicht mehr zurecht gefunden habe. Nicht wusste, wo ich war, obwohl ich die Strecke seit einigen Jahren regelmäßig fahre und sowohl jedes Verkehrsschild kenne als auch den genauen Verlauf der Straße. Für einen Augenblick bin ich verunsichert und möchte am liebsten nach Hause fahren.
Aber ich fahre weiter, weil das Fahren beruhigt und die Gewissheit, für alle unerreichbar zu sein, solange ich mit meinem Sohn im Auto sitze und das Handy ausgeschaltet ist.

Am Ziel angekommen, finde ich zum Glück sofort einen Parkplatz genau dort, wo ich immer parke. Solche Routinen sind wichtig für mich, gerade, wenn es mir nicht gut geht und die Kraft fehlt, mich auf Neues einlassen zu können. Denn ein anderer Parkplatz würde auch bedeuten, einen anderen Weg wie üblich gehen zu müssen und damit wäre ich heute überfordert. Doch Dank des üblichen Parkplatzes können wir den Weg genauso zurücklegen wie immer.
Es gibt keine Abweichungen, keine Veränderungen.
Die gleichen Getränke im Café, ohne etwas sagen zu müssen, weil die Kellnerin weiß, was wir jedes Mal bestellen, die gleiche Reihenfolge der Geschäfte, die wir betreten oder an denen wir lediglich vorbeigehen. Nur mit dem Unterschied, dass mich der Weg schneller ermüdet und die vielen Menschen und Geräusche um mich herum.
Meinem Sohn scheint der Lärm nichts auszumachen.
Er liebt Einkaufszentren – vor allen Dingen dieses.
Nur unter der Bedingung hierher zu fahren, konnte ich ihn dazu bewegen, die Wohnung zu Verlassen, weil er lieber zuhause geblieben wäre.
Mir ist es heute zu viel und ich bin froh, als wir wieder im Auto sitzen und nach Hause fahren. Jetzt wird niemand mehr anrufen und auch ich werde niemand mehr erreichen können.
Dieser Gedanke beruhigt.
Ich werde nicht mehr reden müssen, nicht mehr nach den richtigen Worten suchen und Fragen beantworten müssen, auf die ich nicht vorbereitet bin.

Aber ich werde die Gedanken sortieren müssen, damit ich eine Entscheidung treffen kann. Eine Entscheidung, die ich sehr schnell treffen muss.
Zu schnell. Viel zu schnell.
Ich spüre schon wieder den Druck, obwohl wir noch unterwegs sind und ich unerreichbar bin.
Ich brauche Ruhe und mir fehlt die Kraft, eine Entscheidung zu treffen.
Es ist zu viel. Alles ist zu viel.
Zu viel.

Doch sie erwarten, dass ich funktioniere.
Immer weiter funktioniere.
Auch, wenn alles zu viel ist.
Zu viel.