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„Ich will nicht!“
Während sie redet, versuche ich zu realisieren, welche Konsequenz ihre Worte haben werden.
Worte, die ich nicht hören will, weil mir jedes einzelne ein Stück Sicherheit nimmt.
Sicherheit, die ich gerade jetzt so dringend brauche.
Ihre Worte schmerzen, obwohl ich weiß, dass sie mich nicht verletzen will.
„Aufhören!“, schreit alles in mir, doch ich bin unfähig, die Worte zu formulieren.
Erstarrt sitze ich auf meinem Sofa und schweige.
Ich spüre ihre Nähe nicht, obwohl sie nur eine Tischbreite von mir entfernt ist.

„Ich will nicht!“, hämmert es in meinem Kopf. Immer und immer wieder.
Ich will nicht, dass sich das ändert, was mir in den letzten Monaten so viel Stabilität gegeben hat, dass ich immer noch Kraft aufbringen konnte, weiter zu machen, obwohl ich viel zu  erschöpft war um zu agieren. In einer solchen Situation ist jede Veränderung unerträglich.
Woher soll ich die Kraft nehmen, mich auf etwas Fremdes einzulassen, zumal ich es gar nicht will?

Ihre Worte, die mich an anderen Tagen beruhigen, machen mir heute Angst.
Mein Innen-Sein ist so aufgewühlt, dass es mich sehr viel Anstrengung kostet, das Durcheinander an Gefühlen, welches mich überrennt, unter Kontrolle zu halten und äußerlich ruhig zu bleiben. Meine rechte Hand zerkratzt die Haut am Dekolleté.
Auf diese Weise kann ich den Schmerz spüren, der in mir ist und ein wenig von dem inneren Druck ablassen, der im Augenblick unerträglich ist.

Plötzlich ist mir das Vertraute so fremd, dass ich weinen möchte. Aber ich kann nicht.
Alles in mir ist erstarrt. Auch das Fühlen.
Ich wünsche mir, sie würde schweigen.
Aber sie redet und es kostet mich Mühe, ihren Worten zu folgen.
Worten, die ich nicht begreifen kann und die mich verunsichern.
Dabei geben mir ihre Worte sonst immer Sicherheit und Halt.
Jetzt jedoch habe ich das Gefühl zu fallen und nichts zu finden, woran ich mich festhalten kann.

Ich weiß nicht, was sie im Augenblick denkt und wie sie sich fühlt, während sie immer wieder die Angstworte ausspricht.
Ich möchte alleine sein.
Mich ganz zurückziehen und unerreichbar sein für alles Außen.
Aber sie sitzt da und redet. Redet viel zu viel und ziemlich durcheinander, obwohl ich möchte, dass sie schweigt. Vielleicht könnte das Schweigen wieder die Nähe schaffen, die mir Halt gibt.

Als wir nach zwei Stunden gemeinsam die Wohnung verlassen, spüre ich beim Abschied zum ersten Mal Erleichterung.
Doch ihre Worte bleiben. Sie verlassen mich nicht, sondern setzen sich ganz tief in meinem Innen-Sein fest. Ich habe Angst, dass die Entscheidung längst über meinen und vielleicht auch über ihren Kopf hinweg getroffen worden ist und Veränderung unausweichlich kommen wird, auch, wenn ich sie nicht will. Nein, ich weiß, dass die Veränderung kommen wird, ob ich damit einverstanden bin oder nicht. Und diese Gewissheit schmerzt, dass ich schreien und mit dem Kopf gegen die Wand rennen möchte, damit der Gedanke an das Bevorstehende verschwindet und die Sicherheit zurückkehrt, die heute morgen noch da war. Eine Sicherheit, in der ich mich gut aufgehoben fühlte und von der ich hoffte, sie würde lange bleiben.

Ich verstehe die Menschen nicht. Verstehe nicht, dass sie ständig Entscheidungen über den Kopf des Anderen treffen, ohne auf dessen Bedürfnisse zu achten, statt ihn in den Entscheidungsprozess mit einzubeziehen.
Vielleicht ist das eine typische Verhaltensweise gegenüber behinderten Menschen, besser zu wissen, was für sie gut ist, als die Betreffenden selber. Ich weiß es nicht.
Ich fühle mich überrannt und in meinem Wünschen missachtet.
Ich will nicht mehr. Will das alles nicht mehr. Will alleine sein. Nicht auf andere angewiesen.
Ich habe Angst. Große Angst.

Ich werde ihnen meine Angst zeigen, damit es eine Chance gibt, dass sie mich verstehen.
Und dass alles so bleiben kann, wie es ist.
Damit die Sicherheit zurückkehrt und die Nähe zu dem Vertrauten, welches mir jetzt schon fehlt, obwohl es noch da ist und ich es auf Grund der tiefen Verunsicherung bloß nicht spüre.

Ich fühle mich hilflos. Hilflos wie ein kleines Kind, dem eine Entscheidung übergestülpt wurde, ohne es vorher nach seinen Bedürfnissen gefragt zu haben.
Aber ich bin kein Kind mehr, sondern eine erwachsene Frau, die nicht möchte, dass andere Menschen glauben, Entscheidungen über ihren Kopf hinweg treffen zu können oder sogar zu müssen, nur weil sie Unterstützung im Alltag benötigt.

Hilfe in Anspruch zu nehmen bedeutet für mich nicht, meine Bedürfnisse der gebotenen Form der Unterstützung anzupassen und sie dadurch wieder in den Hintergrund stellen zu müssen, so, wie ich es seit meiner Kindheit ständig getan habe, nur, um zu funktionieren.
Ich möchte in den Entscheidungsprozess mit einbezogen werden und nein sagen dürfen.
Die Unterstützung sollte den Bedürfnissen der Hilfesuchenden entsprechend individuell gestaltet und angepasst werden – nicht umgekehrt.

Ich bin müde und erschöpft.
Zu müde, um mich auf eine Veränderung einlassen zu können, die mir Vertrautes nimmt.
Ich brauche das Vertraute und die Sicherheit, die daraus resultiert.
Aber im Moment bleiben nur Verunsicherung und Angst.
Und Worte, die nicht mehr aus meinem Kopf gehen.