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Was ist das, ein frohes Jahr?
Wie wird es sich anfühlen, ein Jahr, welches mir in den letzten Tagen immer wieder froh  gewünscht worden ist?
Froh und neu sind für mich prinzipiell zwei Eigenschaften, die nicht zusammenpassen.
Alles, was neu ist, birgt Fremdes in sich und löst dadurch Angst, Stress und eine Unruhe aus, die mein Innensein aus dem Gleichgewicht bringt.
Ein Zustand, in dem ich weder Freude noch Froh-sein empfinden kann, selbst, wenn das Neue etwas ist, für das ich mich selber entschieden habe.
Ich brauche Zeit, mich an Neues zu gewöhnen, es mir vertraut zu machen und in meinen Alltag einzuplanen und zu integrieren.
Oftmals überfordert mich Neues, so dass ich es lieber meide und an Bisherigem festhalte.
Bisheriges ist verlässlich und gibt Sicherheit.
Neues hingegen ist immer verbunden mit Ungewissheit und bedeutet eine Abweichung von Routinen, die meinem Alltag die notwendige Struktur geben.
Diese Routinen sind es, die mir Freude machen.
Und die Rituale, die ich in meinen Alltag eingebaut habe, weil sie mir Halt geben.
Sie sind meine Glücksinseln.
Ich bin froh, wenn alles so ist wie immer, wenn es keine Veränderungen gibt und alle Ereignisse eines Tages geplant und vorhersehbar sind.
Auch an diesem Abend vor dem Neuen Jahr.

Ich parke in der gleichen Straße wie in jedem Jahr – dort, wo das Auto vor den Böllern und Raketen geschützt steht.
Es gibt Raclette und dazu im Fernsehen den „Sylvesterpunsch“ und „Dinner for one“ – the same procedure as every year. Ich kann mir kein Sylvester ohne „Miss Sophie“ und „James“ vorstellen. Es fühlt sich gut an, wenn mein Sohn neben mir sitzt und an den gleichen Stellen lacht wie in den Jahren zuvor.
Das sind die Momente, in denen ich entspannen kann und Freude empfinde.

Später, wenn das Zählen der Stunden bis Mitternacht beginnt, steigt die Unruhe in meinem Innensein. Bei jedem Böller schrecke ich zusammen, weil der Lärm plötzlich kommt wie aus dem Nichts und ich mich nicht darauf vorbereiten kann.
Flüchten möchte ich an einen Ort der Stille. Den Jahreswechsel aus sicherer Entfernung erleben ohne den Lärm der Sylvesterknaller, der mir Angst macht.
Die ersten Minuten des neuen Jahres verbringe ich im Hausflur wie ein verschrecktes Tier während mein Sohn aufgeregt auf der Strasse kleine Böller anzündet und sich über das Zischen und farbige Funkensprühen freut.
Fremde gehen an mir vorbei und wünschen mir ein frohes, neues Jahr.
Aber wie kann ich froh sein, wenn so viel Lärm um mich herum ist und Angst durch mein Innensein rast bis meine Hände flattern und mein Kopf zu platzen droht?
Ich wünsche mir einen ruhigen, sicheren Platz an einem geschlossenen Fenster, um das Feuerwerk lautlos betrachten zu können. Ich mag das glitzernde Bunt wie Sternenregen am Himmel, aber vom Hausflur aus kann ich es nicht sehen und hinaus will ich nicht gehen, weil der knallende, zischende Lärm und der Geruch verbrannter Knaller unerträglich für mich sind.

Froh werde ich sein, wenn wir endlich im Wohnzimmer sitzen und von der Neujahrsbrezel essen. Und wenn das Rasen in meinem Innensein langsam aufhört und ich meine Hände wieder ruhig halten kann. Die Brezel gibt mir ein wenig von dem Halt zurück, den ich durch den Lärm der letzen Dreiviertelstunde verloren habe.
Aber noch ist es draußen zu laut, um mich entspannen zu können.
Immer wieder knallt es und ich schrecke zusammen, spüre, dass mein Innensein Stille braucht. Stille, die in den ersten Stunden des neuen Jahres nicht zu finden ist. Zumindest nicht hier, wo ich jetzt bin.

„Ein frohes, neues Jahr.“, wünscht mir mein Vater am Telefon.
Ich freue mich, seine Stimme zu hören, die mir so vertraut ist.
Und Vertrautes ist wichtig, wenn mein Innensein aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Außerdem ist dieser Anruf bei meinem Vater in der ersten Stunde der Neujahrsnacht ein Ritual, welches ich pflege, seit ich von zuhause ausgezogen bin und Sylvester nicht mehr gemeinsam mit ihm verbringe.

„Bis gleich.“, sage ich zum Abschied und würde am liebsten sofort losfahren, um ihn zu sehen und an den Ort zurückzukehren, der mir die größte Sicherheit gibt – das Haus meiner Kindheit.
Ich werde die Stunden zählen bis alles das im neuen Jahr wieder da ist, was mir im alten Jahr wichtig und vertraut war. Darauf freue ich mich. Nicht auf das Neue, das so viel Ungewissheit in sich birgt und mir fremd ist.