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„Gefallen dir deine Geschenke nicht?“
Doch, sie gefallen mir. Die meisten davon habe ich mir sogar gewünscht.

„Aber du freust dich gar nicht!“
Woher wollen sie wissen, dass ich mich nicht freue?

„Du hast sie dir nicht einmal genau angeschaut.“
Doch das habe ich und ich kann sie ihnen genau in der Reihenfolge aufzählen, in der ich sie ausgepackt und links von mir auf den Tisch gestellt habe. Ich weiß auch noch genau, in welchem Geschenkpapier sie eingepackt waren und welches von den Schleifenbändern, die jetzt auf dem Sessel neben mir verstreut liegen, zu dem jeweiligen Päckchen gehörte.
Alles ist in meinem Kopf gespeichert.
Aber ich muss erst verarbeiten, dass die Dinge, die ich mir gewünscht habe, nun plötzlich da sind und mir gehören. Dass ich sie anfassen und benutzen kann, dass jedes einzelne Geschenk auch Veränderung in meinem Leben bedeutet.
Ich werde einen Platz für sie suchen und meinen gewohnten Lebensraum neu ordnen müssen.
Neues bedeutet immer Veränderung und damit – auch, wenn ich mir die Dinge genauso  gewünscht habe – Stress.
Sie immer und immer wieder in die Hand zu nehmen und anzuschauen, überfordert mich. Das ist zu viel. Zu viel Neues und Fremdes, das mir erst langsam vertraut werden muss.

Ich bin müde und erschöpft, suche in dem Raum nach etwas, das mir vertraut ist.
Aber heute ist vieles fremd. Zu vieles.
Der geschmückte Tannenbaum in der Ecke, die vielen bunten Pakete, deren Verpackung jetzt verstreut im Wohnzimmer liegt, die aufgeregten Stimmen vertrauter Menschen, deren Aussehen und Verhalten heute von den anderen Tagen im Jahr abweicht, der Geruch von Weihnachtsgebäck und frischem Tannengrün.
Wir fahren nicht wie gewohnt, wenn wir sonntags bei meinem Vater sind, um 19 Uhr nach Hause, sondern werden den ganzen Abend bei ihm verbringen.
Es ist nicht einmal Sonntag. Alles weicht von dem sonst so gut strukturierten Alltag ab.

Zum Glück gibt es zum Abendessen wie in jedem Jahr Fondue.
Daran kann ich mich festhalten, weil alles genauso ist wie in den Jahren davor.
Das gleiche Fleisch, die gleichen Saucen, Baguette, die weißen Fondueteller und die dazu gehörenden Gabeln mit braunem Holzgriff, die man wegen der unterschiedlichen Farbpunkte am abgerundeten Griffende einer Person zuordnen und auseinanderhalten kann.

Jeder von uns sitzt an seinem gewohnten Platz.
Die Dinge, die Veränderung in meinen Alltag bringen werden, stehen – ordentlich in Tüten verpackt – vor dem Schrank oder im Flur.
Nur die Geschenke der anderen liegen immer noch überall herum.
Sie stören die Ordnung, die ich mit dem Aufräumen wiederherzustellen versucht habe.
Ich spüre die Anspannung und die Unruhe in meinem Innen-Sein.
Für mich ist es wichtig, dass der Raum – abgesehen vom Tannenbaum in der Ecke und der Krippe auf dem Sideboard – genauso aussieht wie sonst. Vertraut.

„Kind, setz dich hin und lass es uns jetzt gemütlich machen. Den Rest können wir nach dem Essen aufräumen.“
Ich möchte lieber sofort damit beginnen, die letzten Papierreste und Schleifen vom Teppich aufzuheben und in die große Plastiktüte zu werfen, die neben dem Schrank steht.

„Es stört doch niemand.“
Doch, mich stört es, weil mein Blick die Orientierung verliert und keine Ruhe findet, so lange Gegenstände auf dem Teppich liegen, die dort nicht hingehören und Geschenke nicht ordentlich aufgereiht auf dem Schrank stehen oder in Tüten zum Mitnehmen verstaut auf dem Flur.

Aber niemand weiß davon, weil ich noch nie darüber gesprochen habe, wie sehr mich
Veränderungen verunsichern und überfordern, auch dann, wenn ihre Ursache ein positives Ereignis wie das Beschenken zu Weihnachten ist.
Ich bin immer ein unruhiges Kind gewesen, das gerade an solchen Tagen wie Weihnachten nicht still sitzen konnte und gezappelt, mit den Händen wild herum gefuchtelt und viel zu laut und aufgeregt, ununterbrochen geredet hat.
Der Grund dafür war nicht – wie von meinen Eltern angenommen – nur die Aufregung, zu erfahren, was ich geschenkt bekommen würde, sondern auch die Überforderung mit dem Neuen, welches immer Veränderung und Einordnen in das Vertraute bedeutete und bis heute bedeutet.

Weihnachten ist auch immer ein Zuviel an Außeneinwirkung, die das Innen-Sein aus dem Gleichgewicht bringt. Und zu viel Außen bedeutet Stress. Stress, den ich nur in einer vertrauten Umgebung wieder abbauen kann, die aber gerade an diesen Tagen fehlt. An Tagen, an denen beinahe alles anders ist als sonst und nur wenig Gewohntes bleibt, welches Halt gibt und Sicherheit.