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Erschöpft bin ich vom ständigen Kampf, dazuzugehören.
Noch nie habe ich mich in dieser Welt so fremd gefühlt wie im Augenblick.
Noch nie war mein Bedürfnis so groß, mich von allem zurück zu ziehen in mein Innen-Sein und  für das Außen nicht mehr erreichbar zu sein, welches mich immer mehr unter Druck setzt zu funktionieren.
Ich habe keine Kraft mehr.
Aber dies laut auszusprechen bedeutet, denen Recht zu geben, die Autismus in erster Linie defizitorientiert sehen und der Meinung sind, autistische Menschen könnten kein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben führen, weil ihnen die entsprechende Kompetenz dazu fehlt.
Also muss ich funktionieren, nach Möglichkeit fehlerfrei.
Das bedeutet permanente Anpassung und Kompensierung aller autistischen und auffälligen Verhaltensweisen.
Das ist fast unmöglich, weil gerade in der Erschöpfung autistisches Sein in den Vordergrund tritt.
Doch nur, wenn ich mich dem Sein der Anderen ihren Vorstellungen entsprechend anpasse, gehöre ich zu ihnen, bin ich gesellschaftskonform und werde als Mitglied der Gesellschaft angenommen. Durch Homogenität findet Inklusion automatisch statt.

Unsere Gesellschaft besteht aus einer Vielzahl sozialer Gruppen, die sich in der Regel durch ein hohes Maß an Homogenität auszeichnen.
Aufgenommen in eine dieser Gruppen wird man immer dann sehr schnell und problemlos, wenn man in diese Gruppe z.B. auf Grund eines gemeinsamen Interesses oder Aussehens passt und sich gruppenkonform verhält.
Aufgenommen wird man in der Regel auch dann, wenn man bereit ist, sich einer Gruppe  anzupassen und sich so zu verändern, dass man mit der Gruppe eine homogene Masse bildet.
Gleichheit verschafft Akzeptanz.

Diversität hingegen stößt schnell auf Ablehnung und führt resultierend daraus zu Ausgrenzung. Auch heute, wo das Wort Inklusion täglich präsent in den Medien ist und durch die UN-Konvention zum Recht behinderter Menschen erklärt worden ist.
Inklusion verliert ihren Sinn, wenn das Dazugehören in die Gesellschaft eine permanente  Überforderung mit sich bringt.
Solange die Gesellschaft erwartet, dass sich AutistInnen durch Anpassung und Kompensierung so verhalten wie nichtautistische Menschen, kann Inklusion nicht gelingen.
Leider wird das Scheitern dann häufig einer mangelnden Bereitschaft zur Anpassung und dem fehlenden Willen zum Dazugehörenwollen zugrunde gelegt.

Du hättest dich halt nur ein bisschen mehr anstrengen müssen.

Nein, es kann nicht Ziel einer Inklusion sein, dass sich nur die Menschen, die anders sind, an das bestehende System anzupassen haben, wenn sie dazugehören wollen.
Dazugehörigkeit muss von beiden Seiten ausgehen.
Sie muss ein selbstverständliches Miteinander sein.
Inklusion wird erst dann möglich werden, wenn in den Köpfen der Menschen ein Umdenken stattgefunden hat. Alle Menschen müssen Inklusion leben wollen.
Das bedeutet, dass die Gesellschaft bereit sein muss, Anderssein zu akzeptieren und Heterogenität in einer Gruppe als Normalfall und gewolltes Ziel zu setzen.
Es bringt nichts, wenn man den Menschen Inklusion als Lebensform lediglich überstülpt wie  eine Zwangsjacke, derer sie sich so schnell wie möglich wieder entledigen wollen.
Inklusion darf nicht zu etwas werden, woran am Ende alle scheitern, weil sie damit überfordert sind.

Ich bin erschöpft.
Erschöpft, weil ich immer wieder an den Punkt gerate, wo mein Anderssein und vor allen Dingen das meines Sohnes zu Unverständnis und Ausgrenzung führt.
Zu einem großen Teil liegt das daran, dass Autistischsein nicht sichtbar ist.
Und etwas, das nicht sichtbar ist, existiert in vielen Köpfen nicht und erfährt auf Grund dessen weder Rücksichtnahme noch Akzeptanz.
Niemand wird von einem Rollstuhlfahrer verlangen, dass er die Treppen zu Fuß hinaufgeht, weil sein Anderssein, seine Beeinträchtigung, offensichtlich ist.
Aber von autistischen Menschen wird immer wieder verlangt, dass sie ihre autistischen Verhaltensweisen unterdrücken und sich anpassen, weil man ihnen in der Regel nicht ansieht, dass sie autistisch sind und weil eine Beeinträchtigung immer dann problematisch wird, wenn sie mit Verhaltensauffälligkeiten einhergeht, die oft den Eltern als Ergebnis einer mangelnden Erziehungsfähigkeit zur Last gelegt und nicht als Teil der Autismus-Spektrum-Störung gesehen werden.

Gerade in dem Bereich der Verhaltensauffälligkeiten geraten Menschen schnell an die Grenze, Anderssein zu akzeptieren und fordern Anpassung.

Verhalte dich nichtautistisch und ich werde dich akzeptieren.

Aber genau das verlangt im Alltag ein so enormes Maß an Anpassung, dass man ständig über die eigenen Grenzen hinaus funktionieren muss und längere Phasen braucht, um sich zu erholen und wieder Kraft zu schöpfen. Sind diese Ruhephasen zu kurz oder fallen möglicherweise ganz weg, dann bleibt irgendwann nur noch der Rückzug.

Aber wenn ich mich zurückziehe, funktioniere ich nicht mehr.
Und wenn ich nicht funktioniere, dann gehöre ich nicht mehr dazu.
Dann grenze ich mich durch das Sichzurückziehen selber aus und werde von den anderen auf Grund meiner mangelnden Anpassungs- und Funktionsfähigkeit ausgegrenzt.
Ein Kreislauf also, der wieder zum Anfang zurückkehrt:

Inklusion verliert ihren Sinn, wenn das Dazugehören in die Gesellschaft eine permanente Überforderung mit sich bringt.

Wie kann demnach die Frage beantwortet werden: „Inklusion und Autismus – wie geht das?“
Geht das überhaupt?
Ich bin der Meinung, dass es gehen kann, wenn die entsprechenden Voraussetzungen dafür geschaffen werden und die Inklusion autistischer Menschen nicht ausschließlich auf deren Anpassung an eine nichtautistische Gesellschaft basiert, sondern auf dem Willen, Anderssein zu akzeptieren und als gewünschte Vielfalt innerhalb einer Gruppe zu (er)leben.
Ich hoffe, dass dies nicht nur ein Wunsch bleiben wird.
Denn ich möchte dazugehören.
Aber nicht um jeden Preis.
Der Preis einer permanenten Überforderung durch ein zu großes Maß an Anpassung ist mir zu hoch, weil er mich auf Dauer krank macht und mir die Freude am Leben nimmt.