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Obwohl ich bereits seit gestern auf ihren Anruf warte, kommt er am Mittag unerwartet. Ihre Stimme am anderen Ende der Leitung ist die einer Fremden. Ich bin verunsichert, möchte am liebsten den Hörer wieder auflegen.
Aber ihr Anruf ist wichtig.
Sie sagt nicht viel – nur, dass sie morgen früh vorbeikommen möchte zu einem Gespräch.
Nein, bitte nicht in meine Wohnung! Ich mag fremde Menschen nicht in meine Wohnung lassen. Und sie ist fremd. Ich kenne nur ihren Namen, nicht mehr.
Das ist viel zu fremd, um sie in meiner Wohnung ertragen zu können. Die Vorstellung macht mir Angst. Ich bin überfordert.
Sie wartet auf eine Antwort.

„Ist Ihnen 9 Uhr 30 recht?“
Recht wäre mir, wenn wir uns irgendwo an einem neutralen Ort treffen könnten.
Aber ich sage ja, weil ich weiß, dass dieses Treffen wichtig ist und weil ich nicht in der Lage bin ihr mitzuteilen, dass ich mich lieber außerhalb meiner Wohnung mit ihr treffen würde.
Ich möchte wissen, wie lange sie bleiben wird und was sie mit mir und meinem Sohn besprechen möchte. Ich muss mich auf dieses Gespräch vorbereiten können.
In meinem Kopf hämmert es. Warum bin ich nicht in der Lage, einfach nein zu sagen und ihr einen anderen Treffpunkt vorzuschlagen? Die Angst kommt zu schnell. So schnell, dass ich nicht fähig bin zu reagieren. Ich spüre, wie rasend mein Herz an meinem Hals schlägt.
Mein gesamter Körper vibriert durch das viel zu schnelle, unrhythmische Schlagen.

Sie fragt nach meiner Adresse und ich gebe sie ihr. Obwohl ich nicht will, dass sie morgen  einfach unsere Wohnung betritt, obwohl sie eine Fremde ist.
Viel zu fremd, um so viel Nähe entstehen zu lassen. Meine Wohnung ist ein Teil von mir – ein Stück Innensein.
Mein Rückzugsort, der mich vor dem Außen beschützt.
Aber jetzt dringt das Außen ein und ich kann mich nicht einmal davor schützen, weil mir die Worte fehlen und ich mich überrannt fühle.
Ich bin handlungsunfähig.
Alles in mir ist erstarrt.
Ich will nur, dass sie das Gespräch endlich beendet und es still wird am anderen Ende.
Auf der anderen Seite möchte ich ihr immer weitere Fragen stellen, um vorbereitet zu sein bis zum letzten Detail. Das gibt mir Sicherheit. Sicherheit, die ich brauche, um den Termin morgen alleine bewältigen zu können.
Im Moment habe ich keine Sicherheit – nur Angst.
Angst, die sich in meinem Körper breit macht und mich wortlos macht.

„Wir sehen uns dann morgen früh.“, sagt sie und legt auf.
Morgen früh. Das sind nur noch einundzwanzig Stunden.
Viel zu wenige Stunden, um mich darauf vorbereiten zu können.
Aber ich werde es nicht mehr verhindern können.
Ich habe ihre Telefonnummer nicht, um abzusagen oder den Termin doch an einen anderen Ort zu verlegen, wenn ich wieder fähig bin, meine Gedanken in Worte zu fassen.
Sie wird um 9 Uhr 30 vor der Tür stehen und ich werde sie hereinbitten müssen, auch wenn sich alles in mir dagegen sträubt. Ich werde mein Innen-Sein nicht beschützen können davor, dass das Außen eindringt und Fremdes dort hineinlässt, wo sonst nur Vertrautes ist und Nähe.

Warum habe ich nicht nein sagen können?
Warum nicht?
Warum bin ich in solchen Situationen handlungsunfähig und lasse mich auf Dinge ein, die ich nicht will, die mir unerträglich sind?
Warum bin ich nicht fähig, mich zu schützen vor Situationen, die mich überfordern?
Warum?

Ich habe Angst.
Große Angst.
So große Angst, dass ich mich am liebsten zurückziehen und so tun möchte, als sei ich nicht da. Das Fremde vermeiden, welches so viel Angst auslöst.

Aber ich weiß, dass dieses Gespräch wichtig ist. Wichtig für meinen Sohn.
Deshalb werde ich die Tür öffnen und das Fremde über mich ergehen lassen.

Wenn ich nur wüsste, wie lange sie bleiben wird.
Ich hätte sie fragen sollen.
Dann hätte ich morgen etwas, woran ich mich festhalten kann.
Festgelegte Zeit. Eine Zahl, die mir Sicherheit gibt.
Doch für solche Fragen ist sie zu fremd.
Solche Fragen setzen Vertrauen voraus.
Vertrauen darauf, dass ich verstanden werde mit meinem Wunsch nach Vorhersehbarkeit.
Verstanden mit meiner Angst, die mich wortlos macht.
Einer Angst, die mir jetzt meine Haut zerkratzt.
Weil das Kratzen beruhigt, auch wenn die Haut rot wird und geschwollen.
Es ist besser zu ertragen als die Angst.

Wenn ich nur hätte nein sagen können.