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Keinen Schritt würde ich weitergehen – keinen einzigen Schritt über das spitze, dunkle Gestein, welches kaum Halt bot zwischen den steilen Felswänden links und rechts von mir.
„Nein,“ sagte ich immer und immer wieder, während meine Eltern versuchten,
mir zuzureden.
Ich hatte Angst. Große Angst.
Angst, die in meinen Magen drang und sich im ganzen Bauch ausbreitete.
„Wir können nicht zurückgehen.“, sagte der Freund meines Vaters,
„dazu ist es viel zu spät.                            Dann würde ich dort einfach stehen bleiben.
„Wir können dich hier nicht alleine zurücklassen.“
Sie würden sich entscheiden müssen. Ich hatte meine Entscheidung bereits getroffen.
„Ich bleibe hier!“

Mein Vater begann zu husten und zu schniefen. Das machte er immer, wenn er nervös war.
In meinem Bauch tobte die Angst wie ein Sturm.
Und um mich herum tobten Worte, die ich nicht hören wollte.
„Stell dich nicht so an!“
„Mach nicht wieder so ein Theater!“
Sie glaubten wirklich, dass ich mich lediglich anstellte und Theater machte.
Sie nahmen meine Angst nicht ernst. Ihrer Meinung nach war meine Angst unbegründet.
„Du übertreibst maßlos.“
Nein, ich übetreibe nicht, wollte ich ihnen zurufen, damit sie mich endlich verstehen würden,  aber die Worte fanden den Weg nicht hinaus aus meinem Innen-Sein.
Ich schwieg und starrte hinunter in das endlose, steinige Grau.
Ich würde sie nicht davon überzeugen können, dass mir der Gedanke, noch einen einzigen Schritt weiter zu gehen, unerträglich war.
Offenbar hatten sie keine Angst, obwohl man kaum Halt hatte auf dem losen Gestein.
Ich brauchte Halt.

„Nun mach endlich voran. Dass man dich immer erst zu deinem Glück zwingen muss!“
Das sagten sie immer, wenn ich vor Angst wie erstarrt war und handlungsunfähig.
Ich verstand diese Bemerkung nicht. An diesem Ort zu sein, bedeutete kein Glück für mich.
Ebenso wenig das Laufen auf unsicherem Boden.
Das einzige Wort, welches in dem Satz stimmte, war das „zwingen“.
Ich wurde zu etwas gezwungen.
„Sei doch nicht so stur!“
Ich war nicht stur, auch wenn für sie so aussah, weil ich mich seit einer halbe Stunde nicht einen Schritt vorwärts bewegt hatte.
„Wir können wegen dir nicht zurückgehen, begreifst du das nicht?“
Und ich kann wegen euch nicht weitergehen, begreift ihr das nicht?
Sie begriffen es nicht.

Die Freunde meiner Eltern wurden wütend. Zumindest klangen ihre Worte so.
Sollten sie doch alleine weitergehen und mich, meine Schwester und meine Eltern den Weg bis hierher zur Hütte zurückgehen lassen. Wir würden den Weg sicher auch ohne sie finden.
Vielleicht würde es helfen, wenn ich zu weinen begann.
Vielleicht würden sie meine Angst dann ernst nehmen.
Aber ich konnte nicht weinen. Ich war einfach nur erstarrt – bewegungsunfähig.
Und sie spürten nicht, dass ich nicht gehen konnte, dass meine Beine steif waren. So starr wie mein ganzer Körper.

Sie redeten, schimpften, drohten.
Mein Vater hustete und schniefte.
In meinem Magen tobte es immer heftiger.
Es würde keinen Weg zurück geben.
Egal, wie sehr sich mein Körper dagegen sträubte.

Ich hätte mir so sehr gewünscht, jemand würde mich verstehen und sehen, dass es nicht ein Nicht-Wollen, sondern ein Nicht-Können war.
Dass ich kein Theater machte, weil mir das Bergsteigen zu anstrengend und ich zu faul war.
Ich war nicht faul. Und ich machte kein Theater. Ich hatte Angst.
Angst vor dem lockeren Gestein, das sich bei jedem Schritt unter meinen Füßen bewegte und wegzurutschen drohte. Ich brauchte Halt und einen Boden, der mir Sicherheit gab.
Ich musste mich darauf verlassen können, dass die Steine meinen Körper würden halten  Können. Ich hatte im Alltag schon Probleme damit, eine Treppe hinunter zu gehen ohne zu stolpern. Wie sollte ich es da schaffen, einen so schmalen Grat zu passieren ohne zu stürzen?

Zuerst musste es mir gelingen, meinen Körper wieder unter Kontrolle zu bringen, der immer noch erstarrt war. In dem Zustand war es mir unmöglich, Bewegungsabläufe zu koordinieren.

Ich fühlte mich einsam. Allein gelassen mit der Angst und meinem erstarrten Körper.

Sechs Menschen standen ein paar Meter entfernt von mir und warteten ungeduldig darauf, dass ich endlich den ersten Schritt machen würde. Die Zeit wurde knapp und wir hatten noch eine Strecke von mehreren Stunden vor uns.

„Nun komm endlich! Wir müssen im Tal sein, bevor es dunkel wird!“

Ich konnte nicht – nicht auf Kommando.
Ich musste warten. Warten, bis ich wieder handlungsfähig war

Sie verstanden mich nicht.
Sie würden mich nie verstehen.