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„Sehen Sie nicht, dass ihr Kind einen Wasserkopf hat?“
Wieso sagt sie das? Ich möchte das nicht hören.
Ich habe keinen Wasserkopf. Keinen Wasserkopf.
Was ist das überhaupt – ein Wasserkopf?
Meine Mutter schweigt.
Warum sagt sie dieser fremden Frau nicht, dass sie lügt, dass ich keinen Wasserkopf habe?
Mir machen diese Worte Angst.
Was ist, wenn meine Mutter dieser Schulärztin am Ende glaubt?
Muss ich dann wieder zum Arzt, weil ein Wasserkopf nicht normal ist?
Ich bin nicht normal.
Haben alle, die nicht normal sind, einen Wasserkopf?
Bin ich ein wasserköpfiges Wesen?
Darf ich möglicherweise mit einem Wasserkopf nicht in die Schule, obwohl ich mich schon so sehr darauf freue?

Meine Mutter beantwortet die Frage dieser Fremden nicht, die beurteilen soll,
ob ich schulreif bin. Sicher bin ich schulreif. Um das festzustellen, brauche ich diese Frau nicht.  Ich kann schon seit langer Zeit schreiben, lesen und rechnen.
Nur, um einen Zaun um Schafe herum zu malen, hätte ich nicht hierher kommen müssen. 
Oder um mir sagen zu lassen, ich hätte einen Wasserkopf.
Ich habe keinen Wasserkopf.
Aber ich kann auch an nichts anderes mehr denken als an den einen Satz dieser fremden Frau, die ich nicht mag. Nicht mag, weil sie so komische Dinge sagt. Dinge, die mir Angst machen.
Was, wenn sie doch Recht hat?
Wenn bisher nur niemand bemerkt hat, dass ich einen Wasserkopf habe?
Wenn jener, den bisher niemand bemerkt hat, Schuld daran ist, dass ich mich häufig anders verhalte. Sonderbar verhalte, weil ich abends mit dem Kopf im Bett hin und her wühle und meine Haare davon am nächsten Morgen ganz verknotet sind, so dass meine Mutter sie kaum noch durchgekämmt bekommt.

Mein Kopf ist groß, größer als bei den anderen Kindern in meinem Alter.
Deshalb passen mir die meisten Mützen und Hüte nicht.
Aber ich mag sowieso nichts auf dem Kopf tragen, weil es mich einengt und stört.
Meine Mutter sagt oft, dass ich ein Dickkopf sei. Das passt ja zu der Größe meines Kopfes.
Aber Wasserkopf?

Ich will so schnell wie möglich vergessen, was diese fremde Frau über mich gesagt hat. Die Hauptsache ist, dass sie mich in die Schule gehen lässt.

Zuhause spricht meine Mutter nicht darüber, was die Schulärztin behauptet hat.
Zumindest nicht in meiner Gegenwart.
Aber sie spricht auch nie darüber, dass ich ständig mit dem Kopf hin und her wühle oder meine Schwester nachts wecke, weil sie zu laut atmet und ich deswegen nicht schlafen kann.
Früher hat sie ein paar Mal gesagt, ich solle aufhören damit, das sei nicht gut.
Aber ich kann damit nicht einfach aufhören.
Ich brauche dieses Wühlen, um überhaupt einschlafen zu können.
Es hat etwas sehr Beruhigendes, so ähnlich, als säße ich auf einer Schaukel.
Heute kämmt meine Mutter jeden Morgen geduldig mein verknotetes Haar ohne mich ein einziges Mal zu ermahnen, das Wühlen endlich sein zu lassen.

Ein paar Tage später geht sie wegen des Wasserkopfes mit mir zum Kinderarzt.
Ich erfahre das erst, als sie mit ihm über die Einschulungsuntersuchung spricht und
die Bemerkung der Schulärztin, ich habe einen Wasserkopf.
Doktor F. beginnt zu lachen.
„So ein Blödsinn“, sagt er und dass meine Mutter ganz beruhigt sein könne.
„Ihre Tochter hat einen sehr großen Kopf. Aber keinen Wasserkopf. Das hätte ich viel früher festgestellt, wenn dem so sei.“
„Da bin ich aber froh, Herr F. Die Schulärztin hatte mir richtig Angst gemacht.“
Meine Mutter hatte also auch Angst, genauso wie ich.

Ich bin so erleichtert, dass ich nicht mehr ruhig sitzen bleiben kann.
Am liebsten würde ich vom Stuhl springen, durch das Sprechzimmer hüpfen und singen.
„Ich habe keinen Wasserkopf, ich habe keinen Wasserkopf.“
Doch meine Mutter mahnt mich, nicht so herum zu zappeln.
Das müsse ich mir jetzt abgewöhnen, wo ich zur Schule gehen will.
Doktor F. nickt und verabschiedet sich von uns.

Ich möchte dem Arzt keine Hand zum Abschied geben, aber meine Mutter besteht darauf.
Zum Glück bin ich schneller als sie und kann ihr durch die Tür in den Flur entwischen, bevor Herr Doktor F. meine Hand berührt. Ich mag das nicht und ich mag Ärzte nicht.
Auch, wenn Herr F. bestätigt hat, dass ich keinen Wasserkopf habe, worüber ich sehr froh bin. So froh, dass ich mich auf dem Flur im Kreis drehe. Schneller und immer schneller.
Ätsch, blöde Schulärztin, ich habe keinen Wasserkopf und du hast keine Ahnung.
Ich werde nie mehr zu einer Schulärztin gehen, nie mehr.