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Heute ist Donnerstag. Donnerstag ist Stadttag. Der Tag, an dem meine Mutter immer mit ihrer Freundin in die Stadt fährt. Der Stadttag ist für mich ein unsicherer Tag, weil sich meine  Mutter an diesem Tag nicht immer an die Regeln hält. So, wie heute.
Ich habe bereits zweimal geklingelt und warte vergeblich darauf, dass sie mir die Tür öffnet.

Es ist 13.25 Uhr und die S-Bahn bereits vor fünfzehn Minuten am Bahnhof angekommen. Vorausgesetzt, dass sie pünktlich war. Mit einem Fußweg von maximal sieben Minuten müsste meine Mutter bereits seit acht Minuten zuhause sein. Aber sie öffnet die Tür nicht, woraus ich schließe, dass sie noch nicht zuhause ist.

Ich krame im Ranzen nach meinem Schlüssel und schließe die Haustür und zwei Etagen höher die Wohnungstür auf.
Es ist tatsächlich niemand da.
Keine Begrüßung, kein: „Wie war es heute in der Schule?“, kein Kuss auf die Wange, der üblicherweise nach einer Mischung aus Tomatensauce und Zigarettenqualm riecht und den ich nicht mag. Aber er gehört zu der Begrüßungsroutine und ich ertrage es nicht, wenn sich diese ändert oder wie heute, gar nicht stattfindet.
Kein Geruch von Nudeln und Tomatensauce, unserem üblichen Donnerstagsgericht, welches meine Mutter deshalb donnerstags kocht, weil es schnell geht und trotz Stadtbummel mit ihrer Freundin fertig ist, wenn wir kurze Zeit nach ihr aus der Schule kommen.
Ich betone „nach ihr“.
Ich mag es nicht, wenn ich „vor ihr“ zuhause bin.
Das verstößt gegen die Regeln. Und an Regeln müssen sich alle halten. Auch meinen Mutter.

Ich stelle meinen Ranzen ab und gehe ins Wohnzimmer, um aus dem Fenster Ausschau nach ihr zu halten. Sie müsste längst hier sein.
Mittlerweile ist es 13.32 Uhr.
Ich gehe mit schnellen Schritten vor dem Wohnzimmerfenster auf und ab und richte meinen Blick auf das Haus Nummer 1 am Ende der Strasse.
Dort wohnt ihre Freundin und dort verabschieden sie sich, wenn sie gemeinsam aus der Stadt nach Hause kommen. Aber da ist niemand.
Ungeduldig hüpfe ich von einem Fuß auf den anderen.
Ich mag es nicht, wenn ich warten muss. Warten bedeutet, dass sich der Tagesablauf geändert hat und eine Lücke entsteht, eine leere Zeit, die ich nicht füllen kann. Das verunsichert mich. Meine Mutter hat alle Regeln gebrochen und damit den restlichen Donnerstag kaputt gemacht.

Regel Nummer eins: Meine Mutter ist zuhause, wenn ich aus der Schule komme.
Regel Nummer zwei: Es gibt Nudeln mit Tomatensauce.
Regel Nummer drei: Der Mittagstisch ist gedeckt und es riecht bereits nach Tomatensauce.
Regel Nummer vier: Ich darf zuerst erzählen, was in der Schule passiert ist.

Ich werde mit ihr schimpfen, wenn sie kommt, so, wie sie mit mir schimpft, wenn ich mich nicht an ihre Regeln gehalten habe.

Es ist 13.47 Uhr, als meine Mutter mit ihrer Freundin endlich vor dem Haus Nummer 1 ankommt und die beiden sich verabschieden.
Aber warum stellt meine Mutter die beiden Tüten auf dem Boden ab, welche sie in der rechten Hand trägt? Auf die Entfernung hin kann ich nicht erkennen, was die beiden machen.
Warum lässt sich meine Mutter so viel Zeit, wo sie doch weiß, dass ich bereits seit zweiundzwanzig Minuten zuhause bin und auf sie warte?
Müssen die beiden jetzt noch miteinander sprechen, wo sie bereits seit zwanzig nach Neun heute morgen gemeinsam unterwegs sind? Da hatten sie doch schon reichlich Zeit, zu reden. Genau gesagt, vier Stunden und siebenundzwanzig Minuten.
Weiß meine Mutter nicht, wie wichtig es mir ist, dass sie pünktlich nach Hause kommt und sich an die Regeln hält?

Am liebsten möchte ich schreien.
Meine Auf-und Ab-Schritte vor dem Fenster werden immer schneller.
Meine Hände flattern in der Luft.
Das mache ich immer, wenn ich unruhig bin.
Zumindest dann, wenn mir niemand dabei zusieht.
Sonst darf ich das nämlich nicht, weil das aussieht, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank, obwohl ich doch so intelligent bin. Das zumindest sagt die Freundin meiner Mutter.

Um 13.55 Uhr stehen die Einkaufstüten immer noch auf dem Boden vor dem Haus Nummer 1.
Meine Schwester ist in der Zwischenzeit nach Hause gekommen und direkt im Kinderzimmer verschwunden, nachdem ich ihr gesagt habe, dass unsere Mutter noch nicht da ist, sondern mit ihrer Freundin vor deren Haustür steht.
Meiner Schwester scheint dass gleichgültig zu sein.
„Sie wird schon gleich kommen.“
Was bedeutet gleich angesichts der Tatsache, dass sie sich bereits achtunddreißig Minuten verspätet hat?

Ich werde sie nicht begrüßen, wenn sie endlich hier ist und ich werde ihr auch nicht erzählen, wie es in der Schule war und dass ich eine Zwei in der Französischarbeit geschrieben habe.
Sie hat alle Regeln gebrochen, aber sie würde nicht verstehen, wenn ich ihr das sage.
Beim letzten Mal hat ihre Freundin mich unverschämt genannt und egoistisch, weil ich mich, als sie zu Besuch bei uns war, über die nicht eingehaltenen Regeln beschwert habe.
Deshalb werde ich beim Mittagessen in der Ecke sitzen und schweigen.
Hunger habe ich keinen mehr. Es ist sowieso schon viel zu spät für Nudeln mit Tomatensauce.