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„Schau doch nicht so auffällig in seine Richtung. Du starrst ihn ja regelrecht an!“
Nein, ich starre ihn nicht an. Ich mache nur das, was sie mir gesagt hat, ihn anschauen.
Ich weiß nicht, wie man auffällig oder unauffällig in eine bestimmte Richtung sehen kann.
„Er merkt doch sofort, dass wir über ihn sprechen!“
Woran sollte er das merken? Wir sitzen viel zu weit weg, als dass er uns hören könnte.
Außerdem ist es viel zu laut in dem Café. Ich verstehe nur mit großer Mühe, was sie mir sagt. Und sie sitzt mir direkt gegenüber.

„Du machst das viel zu auffällig.“
Ihre Worte klingen wie ein Vorwurf, so, als hätte ich einen großen Fehler gemacht.
Dabei weiß ich nicht einmal, was ich offensichtlich auffällig mache.
Längst habe ich mich wieder zu ihr herumgedreht und schaue auf die Kaffeetasse, die ich mit beiden Händen umklammert habe. Ich brauche Halt, etwas, woran ich mich festhalten kann.
Einen Gegenstand, der mir Sicherheit gibt, damit meine Hände mich nicht verraten.
Meine Hände, die sofort zu flattern beginnen, wenn ich mich nicht wohl fühle.
Und ich fühle mich nicht wohl. Ich möchte gehen. Solange der junge Mann noch an dem Tisch hinten links am Fenster sitzt, weiß ich nicht, wie ich mich verhalten soll.

„Hast du bemerkt, dass er die ganze Zeit hier herüber zu unserem Tisch sieht?“
Ich schüttele den Kopf.
Wie sollte ich registrieren, was dieser junge Mann macht, wenn ich nicht einmal in seine Richtung schauen darf, weil ich ihn dann angeblich sofort anstarre, woraus er wiederum den Schluss zieht, dass wir über ihn sprechen?
Woran erkennt meine Freundin überhaupt, dass er die ganze Zeit in unsere Richtung schaut?
„Spürst du das nicht?“, fragt sie mich, als wenn das ganz selbstverständlich sei, dass man spürt, wenn man beobachtet wird.
Nein, ich spüre das nicht. Ich spüre nur, dass mich ihre Worte verwirren und dass sich meine Hände immer mehr verkrampfen, während ich die Kaffeetasse festhalte, um nicht herum zu zappeln. Herumzappeln, so nannte es meine Mutter, wenn ich früher zuhause mit den Händen zu flattern begann.

Während meine Freundin immer noch mit dem Beobachtungsverhalten des jungen Mannes am anderen Ende des Raumes beschäftigt ist, nippe ich an der Kaffeetasse und versuche, mich auf die Musik zu konzentrieren, die durch das laute, permanente Durcheinanderreden und Lachen der Gäste kaum noch zu hören ist. Alles vermischt sich zu einem einzigen Lärmknäuel.
Es wundert mich, das meine Freundin glaubt, der junge Mann könne trotz des Lärms auf die Entfernung etwas von unserem Gespräch mitbekommen.
„Nein.“, sagt sie. „Sicher wird er nicht hören, dass wir über ihn sprechen. Aber er sieht es uns an, so auffällig, wie du dich nach ihm umgedreht hast.“
Wie kann man einen Menschen ansehen, dass er gerade über einen spricht?
Ich kann so etwas nicht. Jemandem ansehen, ob er über mich spricht.
Sprechen kann ich nur hören, nicht sehen.
Und wenn Menschen ihren Mund bewegen, dann weiß ich nur, dass sie gerade sprechen, aber nicht, worüber. Es sei denn, ich höre ihre Worte, was aber im Fall des jungen Mannes auf Grund des Geräuschpegels definitiv ausgeschlossen werden kann.

Davon abgesehen möchte ich endlich wissen, was so auffällig an der Art war, wie ich mich umgedreht und zu dem Tisch hinten links am Fenster geschaut habe.
„Du sollst dich nicht immer sofort umdrehen, nachdem ich es dir gesagt habe.“
Dann werde ich beim nächsten Mal fünf Minuten warten, auch wenn ich immer noch nicht den Grund verstehe, warum. Möglicherweise hat die betreffende Person in diesen fünf Minuten dann bereits gezahlt und das Café verlassen.
„Und du sollst die Leute nicht so anstarren.“
Aber wie soll ich mir auch nur ein Detail von Menschen einprägen können, wenn ich sie mir nicht genau anschauen darf? Ich verstehe nicht, was meine Freundin an der Art, wie ich Menschen aus der Entfernung betrachte, auszusetzen hat.

Ich bin erschöpft und möchte gehen.
Aber sie bestellt sich noch ein Tasse Kaffee und lächelt, während sie zu dem jungen Mann hinübersieht. Wenn sie so lächelt, dann weiß ich, dass wir noch eine Weile hier sitzen werden.
Zumindest so lange, bis der junge Mann zu uns an den Tisch gekommen ist und sie nach ihrer Telefonnummer gefragt hat oder das Café, ohne mit ihr gesprochen zu haben, verlassen hat.