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Ich sitze da und versuche zu begreifen, was gerade um mich herum geschieht.
Am liebsten möchte ich mir die Ohren zuhalten, damit ich nicht höre, was sie mir sagt. Weil ich nicht hören will, was sie mir sagt. Nicht hören will, dass der Termin heute ausfällt.
Aber sie hat es ganz deutlich gesagt. So deutlich, dass alles in mir blockiert ist.
Ich will aufstehen und diesen Ort so schnell wie möglich verlassen, doch mein Körper reagiert nicht. Ich habe keine Kontrolle über meine Arme und Beine, so, als gehörten sie nicht zu mir.
Ich bin unfähig, mich zu bewegen, fort – zu bewegen. Fort von der Stimme, die mir gesagt hat, dass der Termin heute ausfallen wird und sie mich telefonisch leider nicht erreichen konnte.
Es tut ihr leid. Aber das ändert nichts daran, dass ich mit der Situation überfordert bin.

Etwas in mir schreit, aber ich bleibe stumm, starre auf das Glas Wasser vor mir und versuche, meine Gedanken zu sortieren.
Warum fallen Termine einfach aus? Termine dürfen nicht ausfallen. Nicht bei mir. Das bringt meinen ganzen Tagesablauf durcheinander.
Ich habe so viele Fragen. Fragen, die ich jetzt nicht loswerde. Fragen, die heute unbeantwortet bleiben werden. Dabei habe ich sie eine ganze Woche lang sorgfältig gesammelt.
Jetzt schwirren sie in meinem Kopf herum. Ich fühle mich wie gelähmt. Und hilflos.  Die Hilflosigkeit macht mich wütend.
Plötzlich ist so viel Wut in meinem Innen-Sein.
Verzweifelte Wut. Erschöpfende Wut. Wut, die mich handlungsunfähig macht.

Ich bleibe sitzen und warte, ohne zu wissen, worauf.
Der Termin fällt aus. Sie wird nicht kommen.
Sicher erwarten sie von mir, dass ich gehe, auch, wenn es niemand sagt.
Warum sollte ich auch bleiben?
Aber wohin soll ich gehen?
Die Zeit war eingeplant, dort zu bleiben. Drei Stunden.
Hundertachtzig Minuten, die ich jetzt zur Verfügung habe, ohne zu wissen wofür.
Sie können mich doch einfach dort sitzen lassen. Ich werde niemand stören.
Dann habe ich genug Zeit, nachzudenken und eine Entscheidung zu treffen.
Wenn ich jetzt gehe, dann weiß ich nicht, wohin, weil mir niemand sagt, wohin ich gehen soll.
Ich brauche einen Plan. Einen, der nicht spontan geändert wird.
Auf meinem Plan, der zuhause im Flur über der Telefonbank hängt, steht, dass ich bis 18 Uhr einen Termin hier an diesem Ort habe. Also werde ich bleiben. Bleiben, weil es so auf meinem Plan steht. Sie können meinen Plan nicht einfach ändern, ohne mich darauf vorzubereiten.
Eine Planänderung muss ich planen können.

Während ich dort sitze, schaukele ich ein wenig mit dem Oberkörper hin und her. Das beruhigt.
Aber die Ruhelosigkeit in meinem Innensein ist größer. Meine Hände flattern und es gelingt mir nur sehr schwer, nicht aufzustehen und in dem kleinen Wartebereich auf und ab zu laufen. Stattdessen beginne ich, an meinen Handgelenken zu kratzen. So kann ich die Wut aus meinem Innensein nach außen leiten und mich langsam wieder spüren. Spüren, dass mein Körper zu mir gehört und meinen gedanklichen Anweisungen folgen wird.
Aber ich spüre auch, dass mein Körper zu reagieren beginnt und sich die Erstarrung langsam löst. Manchmal schluchze ich in solchen Momenten laut oder beginne zu schimpfen und mit den Fäusten gegen meine Schläfen zu schlagen.

Ich werde jetzt gehen, sage ich einige Male leise zu mir und bin erleichtert, dass sie aus ihrem Büro kommt und ich mich nach einem kurzen Gespräch verabschieden und den Ort verlassen kann. Erleichtert, dass ich nicht länger warten muss, weil mir niemand sagt, dass ich gehen kann, weil ich nicht weiß, wann der richtige Zeitpunkt dafür ist, zu gehen. Laut Wochenplan wäre das erst um 18 Uhr. Leider steht auf dem Wochenplan nicht, was ich machen soll, wenn der Termin ausfällt. Darüber werde ich mit ihr in der nächsten Woche sprechen.
Dass sie einen Plan mit mir macht für den Fall, dass sich etwas ändert an meinem Plan.
Auch, wenn ich das nicht mag.