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(Be)greifbare Zeit

Seit gestern hängt ein gelbes Zentimetermaß an der Wand im Flur neben meinem Wochenplan.
Zurechtgeschnitten auf die verbleibenden Tage bis zum Ende der Nähelosigkeit.
Sichtbar gemachte, messbare Zeit.
46 Zentimeter lang.
Ein Zentimeter für jeden Tag.
Ein Zentimeter, der am jedem Morgen abgeschnitten wird.
Jeder Zentimeter mit einer Zahl versehen, welche die Anzahl der Tage anzeigt, die ich noch warten muss und die jeden Tag kleiner wird.
Ein visuelles Rückwärtszählen.

Dieses schmale, gelbe Band macht das Warten (be)greifbar.
Ich kann die Zeit mit einem einzigen Blick erfassen.
Und ich kann sie anfassen, einfach mit den Fingern berühren.
In der Hand fühlt sie sich viel kürzer an als in meiner Vorstellung.
Sie ist endlich geworden.
Jedes mal, wenn ich vom Wohnzimmer aus in die Küche gehe, bleibe ich einen Moment im Flur stehen und lasse das Ende des Zentimetermaßes durch meine Finger gleiten.
Immer und immer wieder.
Ich mag dieses Gefühl, Zeit (be)greifen zu können.
Das konkrete Wahrnehmen-Können macht mir das Warten erträglicher.
Jetzt habe ich etwas, woran ich mich festhalten kann.
Etwas, das mir Sicherheit gibt.
Etwas, das die Zeit des Wartens eingrenzt.
Und die Zeit der Nähelosigkeit, die so schwer auszuhalten ist.