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Ich bin ein Einzelwesen.
Zumindest nehme ich mich nur als solches wahr.
Einzeln – getrennt von den anderen.
Auch in einer Gruppe bleibe ich ein Einzelwesen.
Ich spüre das „Wir“ nicht und meinen Stellenwert innerhalb eines sozialen Gefüges.  Ich weiß nicht, wie mich die Mitglieder einer Gruppe sehen, weil ich ihr Verhalten mir gegenüber oft nicht interpretieren und entsprechend einordnen kann.  Ich nehme mich nicht innerhalb einer Gruppe wahr, sondern lediglich im Zusammensein mit oder neben ihr.
Genauso ergeht es mir auch bezüglich der Beziehung zu einem Menschen.
Ich nehme mich immer als Einzelwesen neben diesem Menschen wahr.
Die Zusammengehörigkeit beschränkt sich auf den Moment des tatsächlichen Zusammenseins.
Gedankliche Nähe kann ich nicht nachvollziehen.
Auf welche Weise sollte ich diese spüren können?
Wie kann mir ein Mensch nahe sein, der sich nicht tatsächlich in meiner unmittelbar wahrgenommenen Nähe befindet?

Nähe zu einem Menschen kann ich sehen, hören, riechen oder bei direkter Berührung spüren.
Aber außerhalb meines Blickfeldes kann ich sie nicht mehr wahrnehmen.
Ein Grund dafür ist, dass mein Erinnern bildlos ist.
Es entsteht kein Bild in meinem Kopf, wenn ich an einen Menschen denke.
Er verschwindet aus meiner Vorstellung, sobald er nicht mehr sichtbar ist.
Er wird Außen-Mensch und damit wie abgetrennt von mir.
Nähe spüre ich wenn, nur im Moment der unmittelbaren Wahrnehmung des Anderen.
Wenn mir ein Mensch wichtig ist und ich eine Beziehung zu ihm aufrecht erhalten möchte, muss ich mich seiner Existenz mittels konkreter Wahrnehmung durch Hören oder Sehen immer wieder versichern, um diesen Menschen nicht in der Nähelosigkeit zu verlieren.
Denn die Nähelosigkeit wird schnell zu einem endgültigen Zustand, der es mir – unabhängig von meinem Wunsch nach Nähe – unmöglich macht, einen Kontakt wieder aufzunehmen.

Häufig wird Autismus mit einem Desinteresse an sozialen Kontakte in Verbindung gebracht.
Das ist falsch. Auch autistische Menschen wünschen sich in der Regel Beziehungen.
Die Schwierigkeiten liegen vielmehr darin, Kontakte herzustellen, eine Beziehung aufzubauen und diese dann dauerhaft halten zu können.

Aber wie ist es möglich, den Kontakt zu einem Menschen zu halten, dessen Sein ich nicht (mehr) wahrnehme?
Mit dieser Frage beschäftige ich mich aus aktuellen, persönlichen Gründen seit einigen Tagen sehr intensiv.
Sie lässt mir keine Ruhe, weil sie immer und immer wieder in meinen Gedanken kreist.
Sie macht mich traurig und in manchen Momenten sogar verzweifelt, weil ich spüre, wie sehr mich mein Autismus in diesem Bereich überfordert und einschränkt. Und das seit 49 Jahren.
Auch wenn es mir erst heute in der Auseinandersetzung mit dem Thema im Zusammenhang mit meiner Diagnose Asperger-Syndrom bewusst geworden ist, worin meine Schwierigkeiten mit sozialen Kontakten liegen und warum meine bisherigen Beziehungen zu Menschen gescheitert sind.

Ich habe Menschen in dem Moment verloren, wo ich sie nicht mehr wahrnehmen konnte, sie in der Nähelosigkeit verschwanden und für mich nicht mehr erreichbar waren.
Genauso wird es mir jetzt wieder gehen und ich werde es nicht einmal verhindern können.
Ich fühle mich hilflos. Hilflos gegenüber einer Nähelosigkeit, die mich handlungsunfähig macht mit der Konsequenz, dass ich mich zurückziehe.
Zurück in mein Innen-Sein

Ich bin ein Einzelwesen.
Und werde es immer sein.