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Sie sitzt mir gegenüber und erzählt und lacht, als träfen wir uns wie gewohnt und nicht, weil es unser vorläufig letzter, gemeinsamer Termin ist.
Ich fürchte mich schon seit Tagen vor diesem Moment und hoffe, dass die Stunde schnell vorübergehen wird. Am liebsten würde ich den Raum sofort verlassen.
Mein Innensein ist seltsam erstarrt. Ich spüre mich nicht.
Wie abgekapselt vom Außen bin ich und nehme sie nur aus einer Distanz wahr, die mir fremd ist. In Gedanken ist sie bereits ausgezogen aus meinem Innen-Sein und wieder Aussen-Mensch geworden.
Gleich wird sie für 69 Tage in der Nähelosigkeit verschwinden und damit unerreichbar für mich sein. Ich weiß nicht, was in den nächsten Wochen geschehen wird.
Bisher habe ich es nicht geschafft, die Bindung zu einem Menschen zu halten, der über einen so langen Zeitraum nähelos war.

Als wir im Treppenhaus stehen und uns voneinander verabschieden, fragt sie mich nach einem kurzen Schweigemoment, ob sie mich noch einmal in den Arm nehmen darf.
Sie gehört zu den wenigen Menschen, die mir in einer Art vertraut sind, dass ich diese Nähe zulassen kann. Jetzt möchte ich nur weg und ihre Umarmung erscheint mir viel zu lange. Aber ich bin nicht fähig zu handeln und bleibe stehen, bis sie mich loslässt.
Mit dem Loslassen ist sie wie abgetrennt von mir. Ich spüre ihre Nähe nicht mehr und auch meinen Körper nicht, der ganz starr und taub ist.
Es gibt keinen Schmerz oder jenes verwirrende Gefühl der letzten Wochen, welches mich ständig überrannte. Sie wird nähelos, noch bevor ich das Gebäude verlassen habe.

Zuhause versuche ich, die letzte Stunden noch einmal in Gedanken abzuspielen.
Aber mein Erinnern ist ein bildloses und so bleiben nur Worte, bildlose Worte.
Sie ist weg. Irgendwo im Außen verschwunden, unerreichbar für mich.
Ein vorerst abgeschlossenes Kapitel aus der Vergangenheit.
In meiner Gegenwart existiert sie nicht mehr.

Das ist nicht normal, sagen sie.
Aber gibt es eine Norm für Nähe, eine Norm für das, was ein Mensch wahrnimmt?
Ist Wahrnehmung nicht grundsätzlich ein subjektives Empfinden?
In meiner Kindheit bin ich davon ausgegangen, dass alle Menschen in gleicher Weise wahrnehmen und dass es diesbezüglich keine Unterschiede gibt.
Heute weiß ich, dass meine Wahrnehmung anders ist.
Aber ist sie nicht normal, nur weil sie anders ist?
Ich möchte, dass die Menschen um mich herum meine Art der Wahrnehmung verstehen und begreifen, was Nähelosigkeit für mich bedeutet.
Dass diese nichts gemeinsam hat mit dem Ausspruch
„Aus den Augen, aus dem Sinn“.
Zumindest nicht in dem Zusammenhang, in welchem dieses Sprichwort gebraucht wird.
Nähelosigkeit ist kein Vergessen, es ist ein Nicht-Erreichen-Können.
Ich habe sie nicht vergessen, nicht aus meinen Gedanken entfernt.
(Menschen, die mir einmal so vertraut waren, vergesse ich nie.)
Aber ich nehme sie nicht mehr wahr.
Sie ist mit meinen Sinnen nicht mehr wahrnehmbar.
Ich kann sie weder sehen noch hören oder riechen.
Wie soll ich dann spüren, dass sie noch da ist?
Ich kann es lediglich rational erfassen und als Fakt in meinem Gedächtnis abspeichern.
Aber ich spüre ihre Nähe nicht mehr, weil sie kein Innen-Mensch mehr ist.

Nähelosigkeit ist kein Nicht-Wollen.
Sie ist auch keine emotionale Reaktion auf ein in der Vergangenheit liegendes Ereignis.
Sie ist ein Nicht-Wahrnehmen-Können, welches dazu führt, dass eine dauerhafte Bindung (Beziehung, Freundschaft) äußerst schwierig ist und damit zur täglichen Herausforderung wird, an der ich in meiner Vergangenheit immer wieder gescheitert bin.

Seit ich mich erinnern kann, existierte Nähe für mich nur unmittelbar.
Wenn meine Mutter früher den Raum verließ, war sie für mich nicht mehr vorhanden und  ich begann nach ihr zu schreien. Später folgte ich ihr überall hin.
Gespräche waren nur möglich, wenn ich mich mit ihr im gleichen Raum aufhielt und ihre Nähe wahrnehmen konnte.
Am schlimmsten war es am Abend. Sobald meine Mutter mich ins Bett gebracht und das Kinderzimmer verlassen hatte, wusste ich nicht mehr, wo sie war.
Das machte mir Angst.
Angst, sie verloren zu haben, weil ich sie nicht mehr sehen, sie nicht mehr wahrnehmen konnte. Selbst das Wissen, dass sie lediglich ein Zimmer weiter im Wohnzimmer saß, half mir nicht, weil ich mir kein Bild davon machen konnte.
Ich sah nicht, wo sie war und hatte folglich keine Vorstellung davon, dass sie sich immer noch in meiner Nähe befand.
Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Nähe kann ich auch heute nur in der unmittelbaren Wahrnehmung spüren.
Spüren durch das Wissen um tatsächlich vorhandene Nähe.

Vielleicht erklärt das, warum mir ein Abschied so schwer fällt und Angst macht.
Er ist mehr als nur eine (vorübergehende) räumliche Trennung für mich.
Er hat etwas Endgültiges auch, wenn er zeitlich begrenzt ist.
Er bedeutet das Ende von Nähe.
Die Nähe bleibt lediglich als bildlose Erinnerung in der Vergangenheit und existiert in der Gegenwart nicht mehr.
Abschied ist zugleich der Beginn von Nähelosigkeit.

Auch der Abschied von ihr.
Aber ich spüre den Schmerz der letzten Wochen nicht mehr.
Kein Fühlen überrennt mich.
Alles ist wie abgetrennt von meinem Innen-Sein.
Sie ist abgetrennt von meinem Innen-Sein.
Abgetrennt von der Gegenwart.
Von meiner Gegenwart.
Von mir.