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„Beschreiben Sie doch einmal, was in Ihnen vorgeht, was Sie gerade fühlen.“
Woher soll ich das wissen, denke ich. Ich bin hier, weil ich gerade völlig überfordert bin mit meinen Gefühlen. Mein Kopf droht zu zerspringen, so groß ist der Druck.
Ich finde keine Worte, während mich alles überrennt.
Ich brauche Halt. Etwas in meinen Händen, woran ich mich festhalten kann.
Mein Innensein ist so durcheinander geraten, dass ich es kaum noch ertragen kann.
Am liebsten möchte ich schweigen. Einfach nur da sitzen und schweigen.
Aber ich muss reden, weil er mir die ganze Zeit Fragen stellt.
Ich glaube nicht, dass er versteht, was in mir vorgeht.
Ich begreife es ja selber nicht.
Seit neun Tagen versuche ich, wieder Ordnung in mein Innensein zu bringen.
Aber wie soll das gelingen, wenn immer wieder etwas Neues hinzukommt und sich die Situation schneller verändert als ich fähig bin sie zu verstehen?

Ich brauche Zeit. Zeit, zu begreifen und Entscheidungen zu treffen.
Im Moment geht alles schnell – viel zu schnell.
„Stop!“, möchte ich schreien, „ihr überfordert mich.“
Zu viele Fragen – zu viele Worte.
Am liebsten würde ich mir die Ohren zuhalten.
Aber das hilft nur gegen zu viele Worte und den Lärm, der von Außen in meinen Kopf dringt, nicht gegen dieses Zuviel an Gefühlen, welches mich permanent überrennt.
Es soll aufhören. Es soll endlich aufhören.
Ich sehne mich nach Stille.
Einer Stille in meinem Innensein.
Ich muss die Gedanken ausschalten, die sich ständig im Kreis drehen.
Immer und immer schneller.
Doch solange ich das Fühlen nicht begreife, kehren die Gedanken immer wieder zurück.

Während er redet, spüre ich, wie alles in mir erstarrt.
Meine Finger verkrampfen sich in dem Taschentuch, welches ich in den Händen halte.
„Sind Sie noch bei uns?“, höre ich ihre Stimme.
Sie klingt, als sei sie weit weg von mir.
Ich will etwas sagen, aber die Worte finden den Weg nach Außen nicht.
Mein Oberkörper schaukelt ein wenig vor und zurück.
Das beruhigt und gibt mir ein etwas von der Sicherheit zurück, die mir seit ein paar Tagen fehlt.
Ich brauche einen Plan.
Etwas, woran ich mich wieder orientieren und festhalten kann.
Verlässlichkeit.
Menschen sind der größte Unsicherheitsfaktor im Leben.
Ich begreife ihr Verhalten nicht, welches häufig im Gegensatz zu ihren Worten steht oder sich plötzlich ohne einen für mich erkennbaren Grund verändert.
Absichtsänderungen müssen verbalisiert werden.
Ich brauche Worte – verlässliche Worte.

Seit einigen Tagen gibt es so viele spontane Veränderungen, dass ich handlungsunfähig bin.
Aber ich muss handeln. Schnell handeln. Auch das überfordert mich.
Alles ist durcheinandergeraten – Worte – Gefühle – Handlungsmuster.

„Sind Sie traurig?“
Warum fragt er das. Ich weine doch nicht.
Zumindest jetzt nicht, wo ich ihm gegenüber sitze.
In den letzten Tagen habe ich viel geweint – ganz plötzlich und unvorbereitet.
Aber nicht, weil ich traurig bin.
Ich bin überfordert.
Mein Kopf ist zu voll und der Druck darin kaum noch erträglich.
Wenn ich alleine bin, schlage ich mit den Handballen gegen meine Schläfen.
Das erleichtert, weil ich den Schmerz spüren kann.
Aber das sage ich ihm nicht.

Ich will nicht, dass er mein Handeln in Kategorien teilt, weil er mich nicht versteht.
Mein Handeln hat einen Namen – Ich bin Autistin.

Manchmal möchte ich einfach aufhören zu reden. So viele Menschen begreifen nicht, was ich ihnen sagen möchte oder sie verstehen es falsch.
Er begreift auch nicht, was ich ihm zu vermitteln versuche.
Ich möchte aufstehen und gehen.
Einfach nur weggehen.
Alleine sein oder mit ihr, obwohl ich nicht weiß, ob sie mich im Moment versteht.

Ich werde keine Medikamente nehmen.
Sie ordnen meine Gefühle nicht und geben mir auch die Sicherheit nicht zurück, die ich bis vor ein paar Tagen noch hatte.

Als ich endlich mit ihr den Raum verlasse, bin ich noch erschöpfter als vorher.
Zu erschöpft, um ihr die Fragen zu stellen, die mich beschäftigen.
Fragen, die geklärt werden müssen.
Ich muss wissen, wie es weiter geht.
Ich brauche Sicherheit.
Und Zeit.

Alles geht viel zu schnell.
Zu schnell.
Zu viel.

Ich muss mich zurückziehen.
In mich zurückziehen.
Ganz in mich.