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Wie soll ich schlafen, so lange dieser Gedankentornado in meinem Kopf tobt und alles verwüstet, was einmal sicher abgespeichert war und Halt gab?
Wie kann ich Ruhe finden, wenn meine Hände unentwegt in der Luft herum fuchteln, weil alles Innen nach Außen drängt?
Ich muss alles neu ordnen.
Jeden Gedanken.
Jedes Wort.

Ich laufe seit einer Stunde und siebenundzwanzig Minuten im Wohnzimmer auf und ab und starre auf das Blatt Papier in meiner linken Hand.
Ich muss üben.
Ich muss die Worte üben, die darauf stehen.
Immer und immer wiederholen, damit ich nicht schweigen werde.
Ich habe Angst davor, dass kein einziges Wort den Weg nach außen finden wird.

Es ist 3.16 Uhr.
Ich bin müde.
So müde, dass ich meinen Körper kaum noch wahrnehme.
Meine Bewegungen sind unkontrolliert.
Ich stolpere über meine Füße und stoße mich an der Tischkante.
Aber ich muss üben.
Die Situation immer wieder durchgehen, damit sie vorhersehbarer wird.
Mir bleiben nur noch 36 Stunden und 14 Minuten.
Zum ersten Mal macht mir das rückwärts Zählen Angst.
Das Hämmern in meinem Kopf macht es mir unmöglich, mich zu konzentrieren.
Aber ich muss üben.
Worte üben, die ich nicht sagen will.
Worte, die mir Angst machen.
Ich muss sie aussprechen.
Sie müssen aus mir herauskommen, bevor mein Kopf zerspringt.
Der Druck ist unerträglich.
Ich schlage mit den Handballen gegen meine Schläfen.
Meine Schritte werden schneller.
Hin und her – hin und her.
Immer und immer wieder.

Ich möchte schreien.
Schreien, damit dieser Druck nachlässt, der in mir ist.
Vor einer Woche habe ich die Stunden noch vor Freude gezählt.
Jetzt wächst die Angst mit jeder Zahl, die kleiner wird.
Ich will nicht. Ich will nicht. Ich will nicht.
Meine Handballen trommeln gegen die Stirn.
Aber der Gedankentornado lässt nicht nach.

Seit fünf Tagen laufe ich in der Nacht ruhelos umher.
Ich bin erschöpft.
Aber ich muss üben.
Worte üben, die nicht ungesagt bleiben dürfen.
Das ständige Wiederholen gibt mir Halt.
Den einzigen Halt, den ich im Moment habe.
Ich klammere mich fest an den Worten.
So fest, dass alles in mir erstarrt.
Aber ich darf nicht erstarren.
Erstarren bedeutet Schweigen.
Ich muss etwas tun gegen das Schweigen.
Ich muss üben.
Immer und immer wieder.
Ich darf kein Wort vergessen, kein einziges Wort.
Deshalb habe ich sie aufgeschrieben.
Der Gedankentornado wird erst aufhören,
wenn jedes Wort nach Außen gelangt ist.
Solange werde ich den Druck ertragen müssen,
obwohl er längst unerträglich ist.

Ich laufe weiter.
Auf und ab – auf und ab.
Obwohl ich längst so müde bin, dass ich nicht mehr weiß,
wohin meine Schritte gehen.
Meine Handballen hämmern weiter gegen die Stirn
während ich die Worte immer und immer wiederhole.

Auf und ab.
Auf und ab.
Auf und ab.
Es ist 4.23 Uhr.
Noch 35 Stunden und sieben Minuten.
Die Nacht ist bald vorbei.

Ich muss üben, obwohl sich die Worte längst eingeprägt haben.
Ich kann nicht aufhören, solange meine Hände nicht stillhalten,
weil das Fühlen mich überrennt und der Gedankentornado in mir tobt.

Ich muss weitermachen.
Auf und ab.
Auf und ab.
Auf und ab.