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Haupteingang. Vierter Gang rechts. In den Regalen links Shampoos und Haarkuren.
Rechts Haarsprays und Schaumfestiger. Zehn Schritte bis zum Wandregal.
Zweite Reihe von unten. Ganz rechts.
Henna stark rot mit buntem Pfau auf weißer Verpackung für 6.45 Euro.

13.35 Uhr.
Es bleibt noch genügend Zeit, um anschließend einen Milchkaffee zu trinken.

Im Kaufhaus drängen sich die Menschen in der Parfümerieabteilung um einen Tisch  mit Sonderangeboten, der sich direkt hinter dem Eingang auf der rechten Seite befindet.
Dort muss ich entlang. Haupteingang. Vierter Gang rechts.
Meine Hände werden unruhig, weil es zu voll ist. Zu viele Menschen.
Hoffentlich berühren sie mich nicht, wenn sie sich unerwartet bewegen, während ich an ihnen vorbei gehe.
Eins – zwei – drei –vier.
Der vierte Gang.
Aber da sind keine Shampoos in den Regalen auf der linken Seite.
Habe ich mich verzählt?
Eins – zwei – drei – vier.
Auf der rechten Seite gibt es auch keine Haarsprays oder Festiger.
Statt Sprühdosen kleine Kartons – in verschiedenen Größen aneinander gereiht.
Alles anders. Fremd. Das Außen ist durcheinander geraten.
Angst überrennt mein Innen-Sein.
Ich muss meine Hände stillhalten.

Im Wandregal stehen bunt gefüllte Flacons und Fläschchen.
Keine Haarfarben. Kein Henna.
Zu viele Menschen.
Vielleicht habe ich mich nur verlaufen.
Zehn Schritte zurück. Nach rechts.
Im nächsten Gang finde ich die Shampoos auch nicht.
Zehn Schritte zurück. Nach links.

„Kann ich Ihnen behilflich sein?“
Eine fremde Stimme zwischen den Regalen.
„Ich suche Henna.“
„Die Haarfärbemittel finden Sie jetzt im zweiten Gang hinter den Shampoos .“
Nichts finde ich mehr, keinen zweiten Gang, keine Shampoos.
Alles ist anders. Fremd. Nichts, woran ich mich halten kann.
„Wir haben in der letzten Woche umgeräumt.“
Die dunkelhaarige Frau mit der fremden Stimme weist mit der Hand in die Richtung, aus der ich gerade gekommen bin.
„Kommen Sie. Ich zeige Ihnen, wo die Haarfarben jetzt stehen.“
Ich folge ihren Schritten. Kleinen, schnellen Schritten in schwarzen, hohen Schuhen mit klackenden Absätzen. Klack – klack – klack – klack.
„Suchen Sie ein bestimmtes Produkt?“
Ja. Eine weiße Verpackung mit buntem Pfau. Aber ich weiß den Namen nicht.

Sie bleibt vor dem Regal stehen, in welchem bisher die Shampoos gestanden haben.
Ich habe nicht darauf geachtet, dass sich dort nun die Haarfarben befinden.
Das ganze Bild ist durcheinander geraten. Ich muss es erst neu einscannen in meinem Kopf – jeden Gang – jede Reihe – jeden Artikel.
Aber zuerst muss ich den bunten Pfau finden.
Zweite Reihe von unten – ganz rechts steht eine Blondierungscreme.
Nichts befindet sich mehr dort, wo es bisher gestanden hat.
Das Henna ist beim Umräumen verschwunden.
Die Farben stehen jetzt in einer anderen Reihenfolge im Regal als früher.
Ich mag Veränderungen nicht.
Sie bringen meine Ordnung durcheinander.
Nichts finde ich mehr – nichts.
Die Dame mit den klack-klack-Schuhen ist auch verschwunden.

Dreimal fahre ich mit meiner Hand vier Reihen entlang von links oben bis zu der letzten Verpackung unten rechts. Der bunte Pfau ist nicht mehr da.
Vielleicht haben sie nur vergessen, ihn wieder an der Stelle einzuräumen, wo jetzt das Henna zweier anderer Hersteller steht?
Ich werde fragen müssen, bevor die Unruhe in meinen Händen wieder wächst.

Klack – klack – klack – klack.
Die fremde Stimme kommt näher als ich die Haarfarben zum vierten Mal nach dem  Karton mit dem bunten Pfau absuche.
„Wenn es hier nicht steht, dann haben wir den Artikel aus dem Sortiment genommen.“
Aus dem Sortiment genommen?
Das ist nicht möglich. Der bunte Pfau muss noch da sein.
Vielleicht hat jemand aus Versehen eine andere Verpackung davor gestellt, so dass ich das Henna nur nicht sehen kann. Es muss noch da sein.
„Womit soll ich mir denn dann meine Haare färben?“
Das Klacken verstummt.
„Vielleicht kann ich Ihnen etwas anderes empfehlen?“
Etwas anderes. Etwas anderes. Etwas anderes.
Der Satz wiederholt sich immer und immer wieder.
In meinem Kopf beginnt es zu hämmern.
„Ich möchte aber nichts anderes.“
Ich soll ihr die Verpackung genau beschreiben, weil ich den Namen nicht weiß.
Sie erinnert sich an den bunten Pfau. Ein indisches Produkt sein das.
„Nein, das führen wir nicht mehr.“
Sie führen es nicht mehr. Sie sagt das so, als sei es ihr gleichgültig.
Aber mir ist es nicht gleichgültig.
Womit soll ich mir ab jetzt meine Haare färben, wenn es das Henna mit dem bunten Pfau nicht mehr gibt?
„Aber ich habe es doch bisher immer hier gekauft.“
Die fremde Stimme schweigt.
Ich höre nur das Klacken der Schuhe, das sich langsam von mir entfernt und dann nach kurzer Zeit wieder lauter wird.
Sie reicht mir einen Zettel.
„Ich habe Ihnen einmal den Hersteller und den Namen notiert. Vielleicht können sie den Artikel ja über das Internet bestellen.“
Das Internet. Das Internet. Ich habe noch nie Henna über das Internet bestellt.
Jahrelang habe ich es hier gekauft. Bis sie alles umgeräumt haben.
Umgeräumt und aussortiert. Mein Henna aussortiert.
Es ist zu viel. Ich brauche Halt. Etwas, das mir meine Sicherheit zurückgibt.
Ich nehme den Zettel und stecke ihn in meine Handtasche.

Meine Hände flattern.
Ich muss das Kaufhaus verlassen und so schnell wie möglich nach Hause.
Keinen Milchkaffee mehr.
Milchkaffee gibt es nur, wenn ich zwei Packungen Henna gekauft habe.
Alles ist anders heute. Anders und fremd.
Ich brauche Halt. Etwas, woran ich mich wieder orientieren kann.
Der Tag hat keine Struktur mehr.
Alles ist umgeräumt.
Ich finde mich nicht mehr zurecht.
Ich brauche Halt.
Und eine weiße Verpackung mit einem bunten Pfau.