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Ein Grünes rechts, ein Grünes links.
Ein Rotes rechts, ein Rotes links.
Ein Gelbes rechts, ein Gelbes links.
Ein Weißes rechts, ein Weißes links.

Ich saß am Küchentisch und zählte Gummibärchen, die meine Mutter vom Einkaufen mitgebracht hatte, um den gesamten Inhalt der Tüte mit meiner Schwester zu teilen.

Ein Grünes rechts, ein Grünes links.
Ein Rotes rechts, ein Rotes links.
Ein Gelbes rechts, ein Gelbes links.
Ein Weißes rechts, ein weißes links.

Der Farbe nach sortiert, reihte ich die Gummibärchen rechts und links von mir so auf, dass auf beiden Seiten immer die gleiche Anzahl vorhanden war.
Schließlich sollte jeder von uns am Ende genau die Hälfte bekommen.

Immer und immer wieder störte meine kleine Schwester mich beim Sortieren und Zählen, in dem sie mit ihren Fingern über die Tischplatte fuhr und versuchte, eines der Gummibärchen zu erhaschen.
„Lass das!“, sagte ich verärgert und stieß sie beiseite, nachdem sie die Reihe der roten Gummibärchen auf der rechten Seite durcheinander gebracht hatte.
„Jetzt muss ich wegen dir noch einmal von vorne anfangen!“

Ich schob die bereits sortierten Gummibärchen wieder zusammen, um noch einmal mit dem Zählen zu beginnen.
Meine Schwester rannte aus der Küche und rief nach meiner Mutter.
„Mama, die Sabine zankt mich!“
Ich wusste nicht, warum sie angefangen hatte zu weinen.
Ich ertrug ihr Weinen nicht, weil es in meine Ohren drang wie ein schrilles Pfeifen.
Sie war es doch, die mich ärgerte, weil sie mit den Fingern ständig nach den sortierten Gummibärchen griff und mich auf diese Weise am Auszählen hinderte.
Wenn sie mich in Ruhe gelassen hätte, wäre ich längst fertig mit dem Teilen geworden.
Das Teilen war eine verantwortungsvolle Aufgabe, für die sie noch viel zu klein war, weil sie nicht zählen konnte.
Ich hoffte, dass meine Schwester mich nun in Ruhe lassen und bei meiner Mutter bleiben würde.

Doch zwei Farbreihen später kam sie an der Hand meiner Mutter zurück.
Ein Grünes rechts, ein grünes links.
Ein Rotes rechts, ein Rotes links.
Ein Gelbes.
„Du sollst die Gummibärchen nicht zählen, sondern nur so teilen, dass jeder ungefähr die Hälfte bekommt.“
Die Stimme meiner Mutter unterbrach das Teilen erneut.
Ich legte das gelbe Gummibärchen zurück zu denen, die noch nicht sortiert waren.
Ungefähr die Hälfte – was bedeutete das?
Ungefähr war nicht genau die Hälfte. Aber wenn ich etwas durch zwei teilte, dann hieß das, dass jeder die Hälfte bekam. Genau die Hälfte, nicht ungefähr die Hälfte.
Ungefähr bedeutete Unsicherheit und war ungerecht.
Eine von uns beiden hätte von den roten Gummibärchen mehr bekommen können als die andere, oder von den Grünen oder den Gelben oder den Weißen.
Das wäre dann nicht geteilt gewesen, weil es nicht exakt der Hälfte entsprach.
Ungefähr konnte ich nicht teilen. Dann war es kein Teilen mehr.
Eine Tüte Gummibärchen zu teilen bedeutete, dass jede von uns die gleiche Anzahl an Roten, Grünen, Gelben und Weißen bekommen musste.
Warum sagte meine Mutter, ich solle teilen und gleichzeitig, dass es nur um ungefähr die Hälfte ging?
Verstand sie mich nicht?
Ich konnte nicht ungefähr teilen, weil es das nicht gab.
Ich wollte auch nicht ungefähr teilen. Ungefähr war ungerecht und gemein.
Gemein – gemein – gemein!

Meine Schwester war noch viel gemeiner.
Sie nahm sich einfach eine Handvoll Gummibärchen und stopfte sie in ihren Mund, ohne darauf zu achten, wie viele Rote, Grüne, Gelbe und Weiße sie dabei erwischt hatte.
„Leg sie sofort zurück!“, schrie ich, „Du machst alles kaputt!“
Aber das Unglück war schon geschehen und nicht mehr rückgängig zu machen.
Ich sah, wie meine Schwester auf den Süßigkeiten herum kaute und mit ihrer Hand eine weitere Ladung in den Mund schob.
Wut überrannte mich.
Ich fuchtelte mit den Händen in der Luft herum und schrie.
Alles hatte sie zerstört, alles.
Es würde nicht mehr möglich sein, die Gummibärchen zu teilen.
Ich sprang auf von meinem Stuhl und lief schreiend und mit den Händen wild umher fuchtelnd hinaus aus der Küche ins Kinderzimmer, wo ich mich auf mein Bett warf.
Gemein – gemein – gemein!
Alles hatte sie zerstört, alles.

Lange rannte die Wut in meinem Innensein, bis meine Hände wieder ruhig blieben.
Als ich zum Mittagessen zurück in die Küche kam, lag eine ungezählte, farblich nicht sortierte Menge von Gummibärchen neben meinem Teller.
„Die sind für dich.“, sagte meine Mutter, „Das ist deine Hälfte.“
Ich schob sie schweigend beiseite und schüttelte mit dem Kopf.
„Nun mach nicht ein solches Theater wegen ein paar Gummibärchen. Du kommst schon nicht zu kurz.“
Ich hatte keine Angst, zu kurz zu kommen.
Ich machte auch kein Theater.
Sie hatte einfach nichts verstanden.
Nicht, wie wichtig es war, die Gummibärchen nach Farben zu sortieren und zu zählen.
Nicht, was Teilen bedeutete und dass es keine ungefähren Hälften gab, weil zwei Hälften aus einer gleichen Anzahl roter, grüner, gelber und weißer Gummibärchen bestehen mussten.
Nicht, dass ich die Sicherheit einer festen Größe brauchte, einer Größe, die ich berechnen und an der ich mich in meinem Handeln, in dem Fall dem Teilen, orientieren konnte.

Nach dem Essen nahm ich meine Gummibärchen in einer kleinen Glasschüssel mit ins Kinderzimmer und schüttete sie dort auf den Boden, um sie zu sortieren.

Ein Grünes rechts, ein Grünes in die Mitte, ein Grünes links.
Ein Rotes rechts, ein Rotes in die Mitte, ein Rotes links.
Ein Gelbes rechts, ein Gelbes in die Mitte, ein Gelbes links.
Ein Weißes rechts, ein Weißes in die Mitte, ein Weißes links.

Die Gummibärchen, die beim Zählen übrig blieben, legte ich zurück in die Schüssel.
Die abgezählten und farblich genau gleichen Gummibärchenreihen teilte ich mit meinen beiden Puppenfreundinnen.