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Eines Tages erzählte mir meine Mutter, dass ich nun schon ein großes Mädchen sei und in der nächsten Woche in den Kindergarten kommen würde.

Ich wusste nicht, was ein Kindergarten war, obwohl sich das Gebäude direkt dem Haus gegenüber befand, in dem wir wohnten.
„Was ist das, ein Kindergarten?“, fragte ich meine Mutter, weil ich mir darunter nichts vorstellen konnte.
In einem Garten wuchsen Blumen und Bäume, so wie in den Schrebergärten, die man von unserem Balkon aus hinter den Garagen sah. Aber was wuchs in einem Kindergarten?
„Das ist ein Ort, an dem du am Vormittag mit anderen Kindern spielen kannst.“, erklärte mir meine Mutter.
Spielen – das hörte sich gut an, obwohl ich das doch genauso gut weiterhin zuhause in meinem Zimmer würde machen können. Ich hatte meine Puppenfreundinnen, den Affen und die Holzgiraffe, die mit mir spielten. Das reichte mir.
Außerdem gab es ja noch meine kleine Babyschwester, die sicher bald groß genug sein würde, um gemeinsam mit mir Türme aus Holzklötzen zu bauen und Bilderbücher anzuschauen. Wozu brauchte ich da fremde Kinder, die in einem Gebäude mit einem so merkwürdigen Namen zusammen spielten?
„Die meisten Kinder aus der Nachbarschaft, die so alt sind wie du, kommen auch in den Kindergarten. Ich werde morgen mit dir dort hingehen, damit du dir alles schon einmal anschauen kannst. Es wird dir sicher gefallen.“
Es gefiel mir doch auch zuhause. Warum sollte ich nun jeden Morgen die Wohnung verlassen, um mit Nachbarskindern, die ich kaum kannte, woanders zu spielen?

Meine Mutter ließ sich trotz meiner Einwände nicht von ihrem Vorhaben abbringen und verließ mit mir am nächsten Morgen nach dem Frühstück die Wohnung, um mit mir zusammen in den Kindergarten zu gehen.
„Schwester Georgine wird uns alles zeigen.“, sagte sie mir auf dem kurzen Weg über die Gehwegplatten, für die sie an dem Tag überhaupt keine Zeit hatte.
„Schwester Georgine wartet schon auf uns.“
Und die Gehwegplatten warteten auf mich. Der Tag würde nicht gut werden, wenn ich versehentlich auf die schmalen Zwischenräume träte, nur, weil meine Mutter in Eile war.
Aber sie war ungeduldig und zog mich an der Hand bis zu den Treppenstufen, die zum Kindergarten und Schwester Georgine führten.

Ich hatte keine Vorstellung davon, wer Schwester Georgine war.
Warum nannte meine Mutter sie Schwester Georgine, wenn sie doch nicht meine Schwester war? Erwachsene verhielten sich manchmal recht seltsam.
Ich wollte wieder nach Hause zu meinen Puppenfreundinnen, dem Affen und der Holzgiraffe, die ich nicht hatte mitnehmen dürfen.

Als sich die Tür zum Kindergarten öffnete, versteckte ich mich hinter meiner Mutter und hielt mich an ihren Beinen fest.
Ich hatte Angst. Das dunkelblaue Wesen hinter der Tür machte mir Angst.
Schwester Georgine.
Sie beugte sich zu mir herunter und streckte mir ihre riesige, fleischige Hand entgegen – eine unheimliche Gestalt, die in ihrem dunklen Nonnengewand nicht in das Bild passte, welches
ich mit dem Wort „Mensch“ verband.
Ich umklammerte die Beine meiner Mutter noch fester und verbarg mein Gesicht unter ihrem Rock. Niemals würde ich in den Kindergarten gehen!
Nicht, solange Schwester Georgine dort war, die uns – trotz meines Widerstandes, ihr die Hand zu geben – bat, ihr in das Innere des Kindergartens zu folgen.

Ein Durcheinander an Kinderstimmen begleitete uns durch den schmalen Gang und bewirkte, dass ich kaum verstehen konnte, worüber meine Mutter mit Schwester Georgine sprach. Alles Reden, Singen und Lachen war zu einem einzigen Lärmknäuel geworden, dem ich kein Wort mehr entnehmen konnte.
Ich suchte die Kinder, die zu dem Stimmengewirr gehörten, aber der Gang und auch das Zimmer, in welches uns Schwester Georgine führte, waren kinderleer.

„Wo sind denn die Kinder?“, fragte ich meine Mutter.
„Die sind in ihren Spielgruppen.“, antwortete Schwester Georgine, „Ich werde dir gleich zeigen, in welche Gruppe du kommen wirst.“
Ich wollte in keine Gruppe, ich wollte nach Hause.
Schwester Georgine machte mir Angst.
„Schau mich an, wenn ich mit dir rede.“
Ich sah ein wenig nach oben bis zu ihrer Nase und beobachtete, wie sich ihre schwulstigen Lippen beim Reden bewegten.
„Komm her zu mir.“
Am liebsten wäre ich hinausgelaufen aus diesem Raum und aus dem Kindergarten, aber mein Körper reagierte nicht.
Als Schwester Georgine mich hochhob und auf ihren Schoss setzte, erstarrte ich.
Das Erstarren wie eine Mauer, die mein Innensein vor dem Außen schützte.
Ich nahm nichts mehr wahr.
Auch nicht die Kinder, mit denen ich demnächst am Vormittag spielen sollte, als Schwester Georgine meine Mutter und mich in den Raum führte, in dem sich meine zukünftige Spielgruppe befand und Fräulein Brigitte, die Kindergärtnerin, die später während meiner Kindergartenzeit die wichtigste Bezugsperson für mich wurde.

Die Starre löste sich erst, als wir wieder zuhause waren und ich meine Puppenfreundinnen, meinen Affen und die Holzgiraffe in den Armen hielt. Sie zu fühlen und zu riechen gab mir Sicherheit. Ich war wieder zuhause.