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Aufgeregt hüpfte ich von einem Fuß auf den anderen und beobachtete meine kleine Schwester, die durch das Rohr mit den bunten Plastikscherben aus dem Fenster in die Sonne schaute.
„Darf ich auch, darf ich auch?“, bettelte ich immer und immer wieder.
„Bitte, bitte, nur einmal.“
„Gleich“, sagte sie, „gleich“ und hielt das Spielzeug fest umklammert an ihr rechtes Auge.
Ich konnte es kaum abwarten, dieses geheimnisvolle Papprohr, an dessen Ende man drehen konnte, endlich selber in der Hand halten und hindurchsehen zu dürfen.
Meine Hände tanzten vor Freude, als meine Schwester mir endlich das kleine, bunte Ding mit den raschelnden Plastikscherben überreichte.
„Aber nur fünf Minuten.“

Fünf Minuten.
Aufgeregt nahm ich das Rohr in beide Hände und drehte es
fasziniert hin und her.
SCH-SCH-SCH-SCH.
Durch die fortlaufende Bewegung entstand ein wunderbares Geräusch, welches sich durch die Geschwindigkeit des Drehens in Lautstärke und Klang immer wieder verändern ließ.
SCH-SCH-SCH-SCH.
TSCHIK-TSCHIK-TSCHIK.
TSCHISCHIK-TSCHISCHIK-TSCHISCHIK.
Wie würde es erst sein, diese Geräuschscherben durch das Papprohr zu betrachten?
Die Aufregung überrannte mein Innensein. Alles in mir hüpfte vor Freude.
Es gelang mir nur mit Mühe, meine Hände so ruhig zu halten, dass ich das Rohr an mein Auge führen und endlich hindurchsehen konnte. Aber die Anstrengung hatte sich gelohnt.
Ich war überwältigt von den glänzenden Plastikscherben, die sich zu immer neuen, symmetrischen Mustern zusammensetzten, sobald ich an dem hinteren Ende des Papprohrs drehte.
Noch nie hatte ich so etwas Wunderbares in meinem Leben gesehen.
Meine Hände umklammerten das Papprohr und ich versank für ein paar Minuten in dieser bunt schimmernden Plastikscherbensymmetriewelt.

Das Außen existierte nicht mehr.
Ich nahm nichts anderes mehr wahr als das „SCH-SCH-SCH-SCH“
der bunten Scherben, die vor meinem Auge tanzten und dabei immer neue Muster entstehen ließen.
Ein wenig erinnerten mich die Bilder an die Art und Weise, wie ich die Kirchenfenster während des Gottesdienstes betrachtete und nach Mustern suchte, die sich auch dort in regelmäßigen Abständen wiederholten. Natürlich waren die Papprohrbilder viel schöner, weil ich selber schaffen und beliebig verändern konnte, während die Kirchenfenster starr und unveränderlich blieben. Außerdem entstanden durch das Drehen des Papprohrs
wundervolle SCH-SCH-SCH-Geräusche, die ein Kirchenfenster niemals hätte erzeugen können.

SCH-SCH-SCH-SCH.
„Die fünf Minuten sind vorbei.“
SCH-SCH-SCH-SCH.
Eine Stimme unterbrach das Geräusch – die Stimme meiner Schwester, die bereits neben mir am Fenster stand und ihre Hand nach dem Papprohr ausstreckte.
Ich wollte es noch nicht zurückgeben dieses Spielzeug, durch das ich so schöne Buntscherbenmuster sehen konnte.
TSCHIK-TSCHIK-TSCHIK.
„Gib es mir zurück!“
TSCHISCHIK-TSCHISCHIK-TSCHISCHIK.
„Noch fünf Minuten, nur noch fünf Minuten.“

Fünf Minuten.
Meine Schwester begann zu weinen und rannte aus dem Kinderzimmer hinaus zu meiner Mutter. Ich drehte das Papprohr in meinen Händen und hüpfte dabei von einem Fuß auf den anderen. Dieses Mal nicht aus Vorfreude, sondern weil es in meinem Innensein tobte.
Ich hatte Angst. Angst, die Buntscherben wieder hergeben zu müssen.
Das SCH-SCH-SCH-SCH-Geräusch beruhigte mich.
Ich setzte mich auf dem Boden und hielt das Papprohr mit beiden Armen fest umklammert, während ich meinen Oberkörper hin und her drehte, ähnlich wie ich abends im Bett wühlte, um zur Ruhe zu kommen und einschlafen zu können.

Fünf Minuten.
Das Glück der bunten Plastikscherben dauerte nicht ewig.
Ich musste das Papprohr an meine Schwester zurückgeben.
Aber meine Mutter machte den Vorschlag, dass wir uns abwechseln sollten.
Fünf Minuten meine Schwester – fünf Minuten ich.
Fünf Minuten meine Schwester- fünf Minuten ich.
Beim dritten Mal hatte meine Schwester keine Lust mehr und überließ mir die bunten Scherben und das SCH-SCH-SCH, welches sie machten, sobald ich das hintere Ende des Rohres nach Rechts oder Links drehte.

Meine Hände tanzten wieder vor Freude. Ich konnte sie gar nicht stillhalten.
SCH-SCH-SCH-SCH ahmte ich das Geräusch des schimmernden Plastiks nach und rannte mit dem Papprohr in den Zappelhänden im Kinderzimmer auf und ab.