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Es war ein Vormittag wie jeder andere in der Woche.
Wie gewohnt arbeitete meine Mutter in der Küche, während ich in meinem Zimmer auf dem Boden saß und die bunten Holzbauklötze nach Farben und Größe sortierte.
Plötzlich war das Geräusch da.
Ein lauter, lang gezogener Ton, der in mein Innensein drang und sich schmerzhaft in meinem Kopf festsetzte. Ich steckte mir beide Zeigefinger in die Ohren und rannte aus dem Zimmer, wobei ich achtlos über die sortierten Bausteine stolperte und mit meinen Füßen das Farbreihenmuster zerstörte.
Der Ton folgte mir in die Küche, wo ich mich schreiend unter dem Tisch verkroch und dort mit den Fingern in den Ohren und leicht wippendem Oberkörper sitzen blieb.
Das Wippen beruhigte mich in gleicher Weise wie das tägliche mit dem Kopf
Hin- und Herwühlen vor dem Einschlafen im Bett.
Unter dem Küchentisch – meiner Höhle – fühlte ich mich normalerweise in Sicherheit.
Aber vor dem fremden Geräusch gab es keinen Schutz.
„Sirene“ nannte meine Mutter diesen eindringlichen Dauerton, der in meinem Kopf schmerzte und mir Angst machte.
Sie versuchte, mich zu trösten, in dem sie mit mir sprach und sich dabei bückte, bis ich ihr Gesicht unterhalb der Tischdecke sehen konnte.
Ich schaute auf meine Füße, ohne das Wippen zu unterbrechen und bohrte meine beiden Zeigefinger noch tiefer in die Ohren.
Ich wollte, dass dieses Geräusch sofort aufhörte und nie mehr zurückkommen würde.

„Das ist nur ein Probealarm“, erklärte meine Mutter, „der ist gleich wieder vorbei.“
Als sie mir die Hand reichte, schüttelte ich den Kopf.
Ich würde solange unter dem Tisch sitzen bleiben, bis das Geräusch endgültig verschwunden war.

Es gehorchte meinem Wunsch und verschwand für mich ebenso unvorhersehbar wie es gekommen war. Ich nahm die Finger aus den Ohren und schob mit der linken Hand die Tischdecke vorsichtig zur Seite, um zu sehen, ob meine Mutter in der Nähe war.
Ich sah ihre Beine und den Saum des Kittels, den sie über ihrem Kleid trug, wenn sie in der Küche arbeitete. Die Beine bewegten sich vom Herd am Küchentisch vorbei zu dem Spind neben der Balkontür, wo meine Mutter Gewürze, Mehl und Zucker aufbewahrte.
Ich mochte es, ihr beim Kochen zu helfen und kroch langsam unter dem Tisch hervor.

Doch ich kam nicht dazu, mein sicheres Versteck ganz zu verlassen.
Ohne dass ich mich darauf hätte vorbereiten können, drang plötzlich ein noch viel schlimmeres Geräusch in mein Hören. Es war ein lauter, sich ständig wiederholender Heulton, welcher mich derart erschreckte, dass ich nicht einmal mehr schreien konnte.
Alles in mir war erstarrt.
Selbst das beruhigende Wippen mit dem Oberkörper.
Ich hatte keine Kontrolle mehr über meine Bewegungsabläufe.
Das Einzige, was ich noch spürte, war ein hämmernder Schmerz in meinem Kopf, der mich überrannte und ein Chaos in meinem Innensein verursachte.
„Sirene, Sirene, Sirene!“, wiederholte ich die erklärenden Worte meiner Mutter immer und immer wieder in Gedanken, aber sie beruhigten mich nicht.
„Sirene, Sirene, Sirene!“
Ich musste mich ganz zurückziehen.
Ganz in mich zurückziehen.
Ganz in mich.

Die Stimme meiner Mutter klang weit entfernt, obwohl ich ihr Gesicht und einen Teil ihres Körpers direkt vor mir sehen konnte.
Ich wusste nicht, wie sie dort hingekommen war, wo sie jetzt hockte und ihre Hand nach mir ausstreckte, während sie Worte sprach, die ich nicht verstand.
Mein Körper war immer noch starr.
Ich konnte ihrer Hand nicht ausweichen, obwohl ich nicht wollte, dass sie mich berührte.
Alles in mir schmerzte.
Ich saß mit verschränkten Armen, die meine angewinkelten Beinen an den Körper gepresst hatten am Ende des Küchentisches direkt an der Wand.
Das Geräusch war nicht mehr da.
Doch ich hatte große Angst, dass es noch einmal zurückkommen würde.

„Komm her, die Sirene hat aufgehört.“, wiederholte meine Mutter.
„Sirene, Sirene, Sirene!“
Ich wollte diese Wort nie mehr hören. Nie mehr.
Es war ein schreckliches Wort.
Und ein schreckliches Geräusch.
Schreckliches Wort – schreckliches Geräusch.
Schreckliches Wort – schreckliches Geräusch.
Schreckliches Wort – schreckliches Geräusch.
„Sirene, Sirene, Sirene!“

Ich erstarre noch heute jedes Mal, wenn Probealarm ist und möchte mich dann am liebsten unter dem Tisch verkriechen.