„Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt.
Morgen früh, wenn Gott will…“

Nicht, wenn Gott will. Wenn ich will. Und ich will, dass meine Mutter mich weckt – so wie jeden Morgen. Sie darf das niemand anderem überlassen.
Schon gar nicht einem Fremdwesen wie diesem Gott, von dem ich nicht einmal weiß, wo er wohnt.

Während meine Mutter das Lied weiter singt, als sei nichts geschehen, beginne ich zu schluchzen und verkrieche mich unter meiner Bettdecke.
Dabei kralle ich mich mit allen Fingern an deren oberen Ende fest, so dass es meiner Mutter nicht gelingen wird, sie wieder wegzuziehen.
Durch den Stoff des Bettbezuges klingen ihre Worte wattefern.
Das beruhigt mich ein wenig. Wattefernes kann nicht in mein Innensein eindringen.
Ich möchte, dass sie heute die ganze Nacht an meinem Bett sitzen bleibt.
Sie darf mich nicht alleine lassen. Alleine mit dem Willen Gottes, der darüber entscheidet, ob ich morgen früh wieder wach werde oder nicht.
Ich werde diese Nacht nicht schlafen. Ich werde nie mehr schlafen. Heute nicht und morgen und die ganze Woche nicht.

„Mein Schatz, schlaf gut und träume etwas Schönes.“
Die watteferne Stimme meiner Mutter kommt näher.
Ich spüre, wie sie mit ihrer Hand über die Bettdecke streichelt.
Sie darf nicht gehen!

Jedes Mal, wenn sie am Abend das Kinderzimmer verlässt, habe ich Angst davor, dass sie nicht wieder kommt. Sobald ich sie nicht mehr sehe, ist sie für mich nicht mehr da.
Einfach verschwunden und ich weiß nicht, wohin.
Heute ist es besonders schlimm, weil sie dieses Lied über Gottes Willen gesungen hat.
„Gibst du mir noch einen Gute-Nacht-Kuss?“
Ich will nicht, dass sie geht. Sie soll bei mir bleiben. Ich habe Angst, große Angst.
„Geh nicht, Mama. Bleib bei mir, bitte!“
Ich will schreien, aber die Worte bleiben in mir.
Stattdessen krieche ich noch tiefer unter die Bettdecke.
Sie beschützt mich vor der Nacht und den vielen Geräuschen, die mir unheimlich sind.
Heute darf ich die Augen nicht schließen. Ich werde sie nie mehr schließen dürfen, wenn ich sicher sein will, am nächsten Morgen noch da zu sein.

Unter der Decke sind die Nachtgeräusche wattefern wie die Stimme meiner Mutter.
An diesem sicheren Ort brauche ich sie nicht zu fürchten.
Außerdem ist Teddy da, den ich fest umklammert im Arm halte.
Meine kleine Schwester schläft längst.
Selbst wattefern höre ich ihren gleichmäßigen, viel zu lauten Atem, der mich in vielen Nächten nicht einschlafen lässt. Offensichtlich hat sie keine Angst davor, morgen nicht mehr geweckt zu werden. Vielleicht ist sie auch nur noch zu klein, um dieses Lied zu verstehen.

Ich werde diese Nacht nicht schlafen. Ich werde nie mehr schlafen. Heute nicht und morgen und die ganze Woche nicht.
Da ich keine Gewissheit habe, ob Gott will, dass ich morgen früh wieder geweckt werde, darf ich nicht einschlafen, egal, wie müde ich bin. Ich muss wach bleiben.