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Heute ist ein schöner Tag.
Ein Tag zum Sortieren und Zählen.
Ich darf die Knopfdose meiner Mutter haben.
Aufgeregt hüpfe ich von einem Bein auf das andere, bis ich die runde Blechdose, auf deren Deckel verschiedene Kekse abgebildet sind, in beiden Händen halte.
Es ist der schönste Moment, wenn ich die Dose endlich geöffnet habe und deren Inhalt vorsichtig auf den Teppichboden schütten kann.
Meine Lieblingsknöpfe entdecke ich sofort und fische sie glücklich mit den Fingern aus der Menge heraus. Es sind fünf große, schimmernd graue Perlmuttknöpfe mit zwei Löchern, die einmal zu einem Mantel meiner Mutter gehört haben, bis sie einen davon verlor und die ursprünglich sechs Knöpfe durch neue ersetzen musste.
Obwohl ich genau weiß, wie viele Knöpfe es sind, zähle ich jedes Mal nach.
Eins – zwei – drei – vier – fünf.
Ich mag das Gefühl, in kreisenden Bewegungen mit meinem Daumen über die Oberfläche eines jeden Knopfes zu reiben und zuzuschauen, wie sich das Perlmuttschimmern mit jeder Bewegung verändert.

Nach den Perlmuttknöpfen sind die dunkelbraunen Lederknöpfe an der Reihe.
Davon gibt es nur drei. Sie gehörten einmal zu einem Jackenkleid meiner Mutter.
Ihre Oberfläche ist durch unregelmäßige Längs- und Querlinien in vier verschieden große Viertel geteilt. Das Besondere an diesen Knöpfen ist ihr Geruch.
Jeden einzelnen halte ich einige Sekunden an meine Nase, um sie im Anschluss daran zu zählen. Eins – zwei – drei.
Es ist wichtig, sie zu zählen. Jede Knopfart hat ihre ganz spezielle Zahl.
Auch die kleinen, weißen Schimmerkugelknöpfchen von meinem Babyjäckchen.
Ihnen gehört die „Acht“, so, wie den Hornknöpfen vom Mantel meines Vaters die „Sechs“ gehört.

Alle müssen der Reihe nach sortiert, gezählt und in Reihen nebeneinander auf den Boden gelegt werden. Ich kenne die genaue Anzahl einer jeden Knopfart und freue mich beim Zählen über jede Übereinstimmung.
Es fällt mir nicht schwer, die jeweils zusammengehörenden Knöpfe in der Menge zu finden. Dafür habe ich einen besonderen Blick, sagt meine Mutter.
Ich würde sie auch mit geschlossenen Augen sortieren können, weil sich jeder Knopf anders anfühlt. Nur bei den Hemdknöpfen wäre das schwierig, weil sie sich nur minimal in ihrer Größe oder der Anzahl der Löcher unterscheiden. Die verschiedenen Farbschattierungen zwischen Weiß, Beige und Grau lassen sich nicht ertasten. Außerdem variiert ihre Anzahl beinahe jedes Mal, da immer wieder neue hinzukommen oder vorhandene von meiner Mutter gebraucht werden, wenn mein Vater wieder einmal einen Knopf an einem seiner zahlreichen Oberhemden verloren hat. Das verunsichert mich beim Zählen.
Hemdknöpfe haben keine feste Zahl.
Ich muss sie wiederholt zählen, um sicher zu gehen, dass ich mich nicht verzählt habe. Daher bleiben die Hemdknöpfe immer bis zum Schluss übrig.

Das Zählen und Sortieren erfolgt jedes Mal auf die gleiche Art und Weise.
Niemand darf mich dabei stören oder den Ablauf unterbrechen.
Ich muss alle Knöpfe zählen und nach Form und Farbe geordnet auf dem Teppichboden anordnen. Es ist ein wunderbares Gefühl, wenn ich fertig bin mit dem Zählen und weiß, dass – mit Ausnahme bei den Hemdknöpfen – kein einziger Knopf fehlt.
Am meisten freuen sich meine Hände. Sie klatschen und wedeln wild in der Luft herum.
Ich kann sie nicht stillhalten, wenn ich so aufgeregt bin.
Und Knöpfe zählen ist aufregend.
Sehr aufregend.

Am liebsten würde ich gleich noch einmal von vorne beginnen.