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„Das bin ich!“, sage ich zu meiner Mutter und zeige mit dem Finger auf die große, gelbe Sonne auf dem Bild, das ich für sie gemalt habe.
„Das ist die Sonne.“, antwortet sie mir, “schön hast du sie gemalt.“
„Ich bin die Sonne!“, entgegne ich ihr und hüpfe vor ihr von einem Bein auf das andere.
„Ich bin die Sonne!“
„Ich bin die Sonne!“
„Ich bin die Sonne!“
Mit jedem Hüpfer wiederhole ich den Satz.
Ich möchte, dass sie mich mit „Frau Sonne“ anspricht.
Sie lacht.
„Komm, meine Sonne. Zieh deine Schuhe an. Wir müssen noch Brot kaufen, bevor dein Vater nach Hause kommt.“
Das hört sich gut an.
Ich laufe in den Flur und hole meine Schuhe aus dem Spind.

Auf dem Weg zum Bäcker hüpfe ich wie immer über die Gehwegplatten, ohne die Zwischenräume zu berühren.
„Ich bin die Sonne!“
„Ich bin die Sonne!“
„Ich bin die Sonne!“
Das ist mehr als gehwegplattenschön.
Das ist sonnengehwegplattenschön.

„Komm Kind. Ich habe nicht soviel Zeit.“
„Ich bin nicht dein Kind. Ich bin die Sonne.“
„Ist schon gut.“, sagt sie und zieht mich an der Hand weg von den Sonnengehwegplattenhüpfern.
Ich bleibe stehen und fange an zu schreien, weil ich den Weg bis zum Bäcker hüpfen muss. Meine Mutter schimpft.
„Du bist ein Dickkopf!“
„Nein, ich bin die Sonne.“
Meine Mutter versteht das Gehwegplattensystem nicht.
Sie achtet beim Gehen nicht auf die schmalen Zwischenraumlinien.
Aber ich muss darauf achten. Ich darf sie nicht betreten.

In der Bäckerei begrüßt uns die Verkäuferin. Erst meine Mutter und dann mich.
„Guten Tag, Sabine.“
Weil ich ihr nicht antworte, wiederholt sie ihren Begrüßungssatz.
„Guten Tag, Sabine.“
Ich bin die Sonne.
„Sabine, sprichst du heute nicht mit mir?“
Sie reicht mir ein Brötchen.
Ich bekomme jedes Mal ein Brötchen, wenn ich mit meiner Mutter zum Bäcker gehe.
„Ich heiße nicht Sabine. Ich bin die Sonne.“
„Achso“, sagt sie, „das konnte ich ja nicht wissen.“
Aber jetzt weiß sie es und ich möchte, dass sie ab heute Frau Sonne zu mir sagt.
Genauso wie alle anderen mich ab jetzt nur noch mit Frau Sonne ansprechen sollen.
Ich spreche sie ja auch mit ihren Namen an.

Meine Mutter hat ein rotes Gesicht bekommen.
„Das hat sie seit ein paar Tagen.“
Ich habe doch nichts. Das hört sich an, als sei ich krank und habe Husten oder Windpocken.
„Ich bin die Sonne.“, wiederhole ich und hüpfe, mit dem Brötchen in der linken Hand, vor der Ladentheke von einem Bein auf das andere.

„Jetzt hör bitte auf damit.“, sagt meine Mutter.
Ich weiß aber nicht, womit ich aufhören soll.
Mit dem Hüpfen, dem Brötchen Kauen oder damit, zu sagen, dass ich die Sonne bin.

Vor ein paar Tagen hat meine Mutter mit dem Kinderarzt gesprochen.
Geflüstert hat sie fast, als sie ihn fragt, ob es normal sei, dass ich nur noch mit Frau Sonne angesprochen werden will und auf meinen Namen nicht mehr reagiere.
Sie mache sich ernsthaft Sorgen.
„Das ist sicher nur eine Phase und geht bald vorüber.“, sagt der Arzt.
Ich habe keine Phase und auch nichts, was vorübergeht.
Warum soll ich nicht mehr die Sonne sein?
Was ist daran so schlimm?
Und warum fragt meine Mutter, ob das normal sei.
Glaubt sie, ich sei nicht normal, weil ich die Sonne bin?
Die meisten Menschen mögen die Sonne doch.

Die Gehwegplatten vor dem Eingang zur Kinderarztpraxis sind genau die gleichen wie bei uns zuhause. Es sind nur viel mehr Menschen auf dem Bürgersteig, so dass ich beim Hüpfen Acht geben muss.

„Ich bin die Sonne.“
„Ich bin die Sonne.“
„Ich bin die Sonne.“

Als ich weit genug weg bin von meiner Mutter, hole ich eine Karte aus der Jackentasche. Die hat mir meine Cousine Monika, die viel älter ist als ich, zum Geburtstag selber gebastelt. Darauf ist eine wunderschöne Sonne zu sehen mit dreieckigen Strahlen, abwechselnd in Rot und Gelb. Und auf der Rückseite der Karte steht mit ganz großen Buchstaben geschrieben: „Liebe Frau Sonne.“