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„Komm bitte, ich habe jetzt keine Zeit dafür.“
„Dafür“ ist meine Art und Weise, wie ich den Weg vom Bäcker zurück nach Hause über die Gehwegplatten laufe, ohne auf die schmalen Zwischenräume zu treten, welche jede einzelne Platte an allen vier Seiten begrenzen.
„Dafür“ bedeutet auch, dass ich den Weg von vorne beginnen muss, wenn ich versehentlich doch eine der Linien mit den Schuhen berührt habe.
Meine Mutter weiß nicht, wie wichtig es für mich ist, diese Regel einzuhalten.
Sie denkt, es sei lediglich ein Spiel.
„Beeil dich bitte.“

Ich muss noch einmal zurück.
Ganz deutlich habe ich gesehen, dass ich mit dem rechten Fuß einige Zentimeter auf dem Zwischenraum gestanden habe. Die gerade Linie war durch die Spitze meines Schuhs getrennt worden. Ich spüre sofort, wie alles in mir zu rennen beginnt.
Meine Hände können kaum noch stillhalten.
Durch sie gelangt das Rennen in mir nach Außen, wenn der Druck zu groß wird.
Und der Druck ist groß – sehr groß – wenn das Gehwegplattenmuster durch einen falschen Schritt zerstört worden ist. Wenn sie mich jetzt nicht von vorne beginnen lässt, wird das Rennen in mir nicht aufhören.

Ich muss zurücklaufen bis zu der Stelle, wo das Gehwegplattenmuster durch eine Querstrasse unterbrochen ist und am Bordstein neu beginnt.
Die ersten Schritte sind gar nicht so einfach, weil die Hände nicht stillhalten wollen.
Aber dann ist der Rhythmus wieder da und es ist ein schönes Gefühl, meinen Füßen zuzusehen, wie sie immer abwechselnd auf eine Gehwegplatte treten, ohne den Rand zu berühren, auch, wenn ich dafür ganz große Schritte machen muss, weil die Platten noch viel zu groß für meine Füße sind.

Meine Mutter hat ihren Einkaufskorb auf dem Boden abgestellt und spricht mit Frau H., unserer Nachbarin, die im Haus nebenan wohnt.
Dafür hat sie jetzt Zeit. Nur für meine Gehwegplatten nicht.
Aber ich werde nicht protestieren.
Solange sie mit Frau H. spricht, kann ich mich dem Muster der Platten vor dem Hauseingang widmen, welches sich von jenem des Gehweges unterscheidet.
In dem kurzen Stück von der Hecke bis zur Haustür sind die Platten immer versetzt angeordnet, so dass ich hüpfen muss, um nicht auf die Zwischenräume zu treten.
Das ist viel schwieriger und verlangt eine hohe Konzentration.
Vor allen Dingen, wenn jemand gerade in dem Moment das Haus verlässt und mir auf dem schmalen Weg entgegenkommt. Dann gelingt es mir nur selten, die Balance zu halten und den Füßen der Person auszuweichen, die nicht auf das Muster der Gehwegplatten achtet, sondern einfach geradeaus geht und auf die Plattenzwischenräume tritt.

Manche Kinder, die bei uns im Haus wohnen, machen sofort mit, wenn sie mich dabei beobachten, wie ich hin und her hüpfe, um beim Gehen nur die Platten zu betreten.
Für sie ist es ein Spiel und sie lachen oder lassen sich fallen, wenn sie auf die Zwischenräume treten. Das begreife ich nicht. In mir ist kein Lachgefühl, wenn mein Fuß eine der schmalen, dunklen Linien übertritt. Es macht mich wütend, weil es nicht sein darf und weil es offensichtlich niemand außer mir ernst nimmt.
Ich mag sie nicht, diese Missachtung des Gehwegplattenmusters.
Selbst meiner Mutter scheint es nichts auszumachen, dass sie ständig auf die Zwischenräume tritt.
„Mama, pass doch auf, du darfst nicht auf die Linien treten!“
Aber sie passt nicht auf.
Jetzt, wo sie das Gespräch mit Frau H. beendet hat, ist sie wieder in Eile und achtet nicht darauf, dass sie mit ihren Schuhen ständig über die dunklen Erdstriche zwischen den Platten läuft.
„Komm jetzt.“, sagt sie zu mir, während sie die Haustür aufschließt und im Treppenhaus ungeduldig auf mich wartet.

Noch zwei Reihen, dann habe ich es geschafft, auch, wenn ich ein paar Mal von vorne beginnen muss, weil ich mein Gleichgewicht nicht halten kann.
Ich bin schon ganz aufgeregt.
Als ich im Treppenhaus neben meiner Mutter stehe, klatsche ich in die Hände und fange an, mich im Kreis zu drehen.
Heute ist ein schöner Tag.
Ein gehwegplattenschöner Tag.