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Manchmal ist sie mir fremd.
In einem unvorhergesehenen Moment beginnt sie zu lachen, während ich schweige und mit der linken Hand den Druckknopf meiner Jackentasche
auf und zu mache.
Ich bin verunsichert, weil ich nicht weiß, was sie so sehr amüsiert, dass sie immer weiter lacht. Am liebsten würde ich nach dem Grund fragen, aber das Lachen drängt sich wie eine gläserne Wand zwischen uns.
Ich versinke tief in mir und spiele weiter mit dem Knopf an meiner Jacke.
Das wiederholte Öffnen und Schließen der Tasche beruhigt mich.
Obwohl sie nur wenige Schritte entfernt neben mir her läuft, erscheint sie mir in dieser Situation unerreichbar. Sie ist ein Außen-Mensch.

Als sie mich nach einer Weile anspricht, klingt ihre Stimme weniger
vertraut als sonst.
Es kostet mich sehr viel Mühe, ihre Worte zu verstehen und wieder zurück zu finden in unser Gespräch, welches durch ihr Lachen unterbrochen worden ist.
Ich wünsche mir, sie auch einmal als Innen-Mensch wahrnehmen zu können, einfach zu spüren, was in ihr vorgeht – so, wie sie mir sofort ansieht, wenn etwas nicht in Ordnung ist.
Sie weiß so viel über mich, während sie mir in vielen Situationen immer noch fremd ist und immer fremd bleiben wird.
Nähe beschränkt sich auf das, was ich sehen und berühren kann.
Das Gefühl, einem Menschen wirklich nahe zu sein, kenne ich nur aus dem
erzählten Erleben anderer.

Ich mag die Stunden, die ich mit ihr verbringe, auch, wenn ich danach ziemlich erschöpft bin. Sie gehören zu den Ritualen, die ich in meinen strukturierten Tagesablauf eingebaut habe und die mir wichtig sind.
Oft zähle ich die Tage, Stunden und Minuten, bis wir uns wiedersehen, um die Nähelosigkeit besser ertragen zu können, in der sie sich befindet, sobald wir uns voneinander verabschiedet haben. Genauso zähle ich auch jedes Mal die Minuten, die uns bis zum erneuten Abschied bleiben, weil ich nicht weiß, wie es danach weitergehen wird.

Jede Trennung ist ein Abgeschnittensein, weil Nähe für mich nur in der unmittelbaren Wahrnehmung existiert. Ich habe Angst, sie in dem Zustand der Nähelosigkeit zu verlieren und nicht wieder zu sehen. Aber ich wage es nicht, mit ihr darüber zu sprechen, weil zu schwierig zu erklären ist, was ich selber erst langsam begreife. Fühlen ist zu diffus, um die richtigen Worte dafür zu finden.
Ich möchte nicht, dass Missverständnisse zwischen uns entstehen und sie sich deshalb mir gegenüber anders verhält oder möglicherweise sogar zurückzieht.
Das habe ich in der Vergangenheit so oft erlebt, ohne es verhindern zu können.

Wir schweigen.
Ich bin so tief in meinen Gedanken versunken, dass ich ihr Dasein durch die Stille zwischen uns nicht mehr wahrnehme.
Mein Blick wendet sich ab von der beruhigenden Gleichmäßigkeit der Gehwegplatten.
Für einen kurzen Moment schaue ich sie an, um mich zu vergewissern,
dass sie noch da ist.
Sie lächelt.
Ob sie das aus der gleichen Verunsicherung heraus macht wie ich?
Ich weiß es nicht. Um das heraus zu finden, müsste ich sie fragen.
Durch Blicke stellen Menschen eine Verbindung und damit Nähe her.
In mir lösen Blicke Verwirrung aus – auch ein Lächeln, das ich nicht deuten kann.
Meine Hände werden unruhig, suchen Halt.
Die linke Jackentasche öffnet und schließt sich erneut vom Spielen an dem Metallknopf.
Auf – zu – auf – zu – auf – zu – immer und immer wieder.
Der Blick kehrt zurück zu den gleichförmigen Gehwegplatten, deren kontinuierliches Muster mir wieder Sicherheit gibt und mich vor einem Zuviel an Außenreizen schützt.
Außerdem gelingt es mir so besser, mich auf ihre Worte zu konzentrieren.
Solange ich ihre Stimme höre, weiß ich, dass sie da ist.

Mit ihr gemeinsam unterwegs zu sein, strengt an, weil ich auf viel mehr achten muss, als wenn wir gemütlich im Wohnzimmer säßen, in einem Raum, der mir vertraut ist.
Der Außenraum ist unbegrenzt. Viel zu schnell kann sie darin verloren gehen.
Manchmal schluckt das Außen ihre Worte, weil es viel zu laut ist.
Zu laut und zu viel.
Dann folge ich ihren Füßen auf den Gehwegplatten.
Die Gehwegplatten grenzen den Außenraum ein, weil sie selber begrenzt sind zwischen den Häusern auf der einen und der Bürgersteigkante zur Straße hin auf der anderen Seite.
Auf diese Weise teile ich mir den Außenraum in kleine, überschaubare Abschnitte, in denen ich jedes darin befindliche Objekt registrieren und in meinem Blick festhalten kann.
So auch ihre Füße, die sich neben mir im gleichen Tempo fortbewegen.
Immer rechts – links – rechts – links.
Wie der Knopf meiner Jackentasche, den ich im gleichen Rhythmus auf und zu drücke.
Sie ist da und ich kann sie mit meinen Augen festhalten.
Für einen Moment ist plötzlich sehr viel Ruhe in mir.
Sie ist mehr als ein Außen-Mensch, weil sie sich den Raum der Gehwegplatten mit mir teilt.
Solange sie diesen nicht verlässt, ist sie auf eine Art mit mir verbunden, die ich in meiner Vorstellung erfassen kann. Sie ist ein Teil meiner Welt.
Vielleicht ist es das, was die Anderen als ein Gefühl von Nähe bezeichnen?