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Arztbesuche stehen bei mir schon seit dem Babyalter ganz oben auf der Liste Stress auslösender Faktoren. Als Säugling und Kleinkind habe ich mich bis zur Erschöpfung gegen jede ärztliche Untersuchung zur Wehr gesetzt, habe geschrien, um mich geschlagen und mich in meinem Zimmer versteckt, damit meine Mutter mich nicht finden würde. Ich hatte Angst, unvorstellbar große Angst. Eine Angst, die bis heute geblieben ist und mich vor jedem Arztbesuch in eine Art Schockzustand versetzt.

Früher kam der Kinderarzt deshalb im grauen Anzug zu uns nach Hause.
Das war lange Zeit die einzige Chance, mich zumindest aus der Nähe untersuchen und eine Diagnose stellen zu können.

Ziemlich schnell habe ich begriffen, dass ich einen Arztbesuch verhindern konnte, in dem ich Krankheiten verbarg und Schmerzen aushielt.
Für mich war es leichter, tagelang mit Bauchschmerzen herum zu laufen, als meiner Mutter davon zu erzählen und einen Gang zum Arzt zu riskieren.
Dabei hatte ich häufig Magenschmerzen, vor allen Dingen dann, wenn mich die Angst vor einem bevorstehenden Ereignis quälte.
Da Angst zu meinem Alltag gehörte, lernte ich, mit ihr und einem permanenten Magendrücken zu leben. Angst ist das Gefühl, welches ich am besten beschreiben kann, weil es ständig gegenwärtig ist.
Tag und Nacht. Damals und heute.
Mit der Zeit stellte ich fest, dass es aber auch Angst auslösende Ereignisse gab, die ich umgehen konnte, in dem ich Vermeidungsstrategien entwickelte.
Hierbei nahmen wiederum Arztbesuche eine hohe Priorität ein.
Da meine Mutter, wie ich als Teenager feststellte, selber nur selten einen Arzt konsultierte, drängte sie auch mich in der Regel nicht dazu.

Während ich als Kleinkind sehr häufig krank gewesen war und eine lange Zeit wegen eines Pseudo-Krupp-Hustens immer wieder behandelt werden musste, waren es in der Pubertät überwiegend psychosomatische Störungen und depressive Verstimmungen, über die ich nicht sprach. Gegen die Magenschmerzen brachte mir mein Vater eine Zeit lang Tabletten aus der Apotheke mit, weil meine Eltern vermuteten, dass diese das Ergebnis meiner extremen Unruhe und ständigen Nervosität waren.

Mit dem Übergang ins Berufsleben kamen Kopfschmerzen, Nackenverspannungen, Juckreiz und Hautausschläge hinzu, die ich mit Medikamenten selber behandelte.
Über viele Jahre hinweg gelang es mir, nicht ein einziges Mal einen Arzt aufsuchen zu müssen.

Ich begreife bis heute nicht, dass es Menschen gibt, die freiwillig zum Arzt gehen, um sich einmal für ein paar Tage krank schreiben zu lassen.
Ich gehe lieber – solange das möglich ist – mit Schmerzen und Beschwerden ins Büro – nur, um einen Arztbesuch vermeiden zu können.
Schon der Gedanke an den typischen Geruch eines Wartezimmers löst große Ängste in mir aus. Die Folgen sind: ein stark erhöhter Puls, Schlaflosigkeit, Albträume, eine extreme, innere Unruhe, Kopf- und Magenschmerzen.
Hinzu kommt die Vorstellung, in dieser Stresssituation von einem Fremden –
in dem Fall von dem behandelnden Arzt oder einer Arzthelferin angefasst zu werden.
Bei Angst ziehe ich mich ganz in mich zurück in mein Innensein und kapsele mich vor jeder Form des Kontaktes mit dem Außen ab. Dazu gehören natürlich auch Berührungen, die in einer solchen Situation als besonders schlimm von mir empfunden werden.

Ein weiterer, wichtiger Faktor ist die Unvorhersehbarkeit, die mit jedem Arztbesuch verbunden ist. Unangekündigte Untersuchungen und Maßnahmen sind für mich sehr belastend, da ich mich nicht darauf vorbereiten kann.
Leider haben die meisten ÄrztInnen heute nicht mehr die Zeit, Fragen zu beantworten und bevorstehende Untersuchungen im Vorfeld genau zu erklären.

Meine Angst wird häufig nicht ernst genommen beziehungsweise vollkommen ignoriert.
Heute finde ich zum Glück Unterstützung in meiner Betreuerin, die mich zu den Arztbesuchen begleitet. Das macht diese zwar nicht stressfreier, gibt mir aber einen großen Halt und die Gewissheit, dass jemand an meiner Seite ist, der nicht zulässt, dass etwas mit mir gemacht wird, was ich nicht will. Denn in der Regel bin ich während eines Arztbesuches nicht in der Lage, mich verbal zu äußern und meine Ängste und Bedenken in Worte zu fassen, weil ein Kontakt zum Außen dann nicht möglich ist.