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„Bleib doch bitte noch!“, hätte ich am liebsten zu ihr gesagt,
als sie im Flur stand und ihre Jacke anzog.
Aber die Worte blieben in mir.
Ich schwieg und wartete, bis sie ins Wohnzimmer zurückkam,
um ihre Tasche zu holen.
Gleich würde sie verschwunden sein.
Nicht nur aus meiner Wohnung, sondern auch aus meinem Innen-Sein.
Die Tür war eine Mauer, die Innen und Außen voneinander trennte.
Außen bedeutete Nähelosigkeit. Ein Gefühl, als existiere sie einfach nicht mehr.
Das machte mir Angst – jedes Mal.
Ich wollte nicht, dass sie aus meinem Leben verschwand.
Doch ich konnte sie auch nicht aufhalten.

Statt etwas zu sagen, versank ich bereits in mir und spürte,
wie sich eine noch gläserne Mauer zwischen uns schob.
Wie hätte ich ihr auch erklären können, dass ich den Moment fürchtete,
wo sie die Wohnung verließ und damit in eine Nähelosigkeit eintauchte,
in der sie für mich unerreichbar sein würde?
Sie lachte, als sie mir zum Abschied ihre Hand reichte.
Ich verstand nicht, wie sie in einer solchen Situation lachen konnte.
Ihr Lachen trennte sie von mir, noch bevor sie die Tür öffnete.
Gerne hätte ich ihre Hand festgehalten, aber ich spürte sie nicht mehr.
Sie hatte die Nähelosigkeit schon erreicht, jenen Zustand,
in dem sich die meisten Menschen um mich herum befanden.
Ihre Stimme klang fremd, als sie noch etwas zu mir sagte,
bevor sie endgültig ging.
Es waren Worte, die nicht mehr zu mir gelangten,
so sehr ich mich bemühte, sie zu verstehen.
Sie befand sich längst im Außen.

Ich war erschöpft.
So sehr mich ihr Dasein und die Gespräche mit ihr anstrengten,
so schwer fiel es mir auch, mich von ihr zu verabschieden
und den Moment zu ertragen, wenn sie in der Nähelosigkeit verschwand
und nicht mehr greifbar war.
Was mir blieb, waren ihre Worte, die ich in meinem Kopf gespeichert hatte
und die jederzeit abrufbar waren.
Aber daran, wie sie ausgesehen hatte, konnte ich mich schon
nach wenigen Minuten nicht mehr erinnern.
So fehlte ein Bild von ihr, welches ich den Worten hätte zuordnen können.
Sie war einfach nicht mehr da und das löste etwas in meinem Innen-Sein aus,
das mich sehr verunsicherte.
Ich wünschte mir, sie aus der Nähelosigkeit wieder heraus holen zu können
und wusste gleichzeitig, dass es keine Möglichkeit gab,
außer auf den Tag zu warten, an dem ich sie wiedersehen würde.

Während ich im Wohnzimmer auf und ab ging und die Bilder meines Sohnes betrachtete, die über dem Sofa an der Wand hingen, musste ich an meine Kindheit denken.
Daran, wie schrecklich es für mich gewesen war, wenn meine Mutter
für einen Moment aus dem Raum ging und ich glaubte,
dass sie mich verlassen hatte und nicht mehr zurückkommen würde.
Und daran, dass ich ihr ständig gefolgt war, weil mir
nur ihre tatsächliche Anwesenheit hatte Nähe vermitteln können.
Auf diese Weise war es mir möglich gewesen,
den diffusen Zustand der Nähelosigkeit zu vermeiden
und damit eine Stresssituation zu umgehen, die mir Angst machte.

Genau in einer solchen Stresssituation befand ich mich jetzt
und spürte diese unerklärliche Angst, sie verloren zu haben.
Da ihr Bild mit dem Verlassen der Wohnung verschwunden war,
gab es nichts, was mir hätte Halt geben können.
Sie war nicht mehr greifbar.
Mein Innen-Sein war umgeben von einer Nähelosigkeit,
die jede Beziehung zu einem Menschen in ein unbegreifliches Nichts auflöste,
sobald er räumlich von mir getrennt war.

Sie war weg.
Und damit weder Teil der Gegenwart noch der Zukunft,
sondern lediglich Vergangenheit.
Dort würde sie bleiben, in jenem Erlebten, welches in dem Moment
abgeschlossen war, als sie gegangen war.
Ich suchte nach Worten.
Worten, die hätten erklären können, was in mir war.

Aber Nähelosigkeit hat keine Worte.