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Ich muss es abschalten – muss alles abschalten – das Außen abschalten.
Dieses ständige Klingeln und Plärren aus Handtaschen und Rucksäcken, zwischen Fingern und an Mündern und Ohren wie festgeklebt.
Jeder Ton wie ein schriller, schmerzender Schrei, der mein Innensein trifft. Ungefiltert. Stimmen. Laut und durcheinander.
Ein Wortfetzenchaos aus Lispeln, Brabbeln, Schmatzen, Schlucken, Kichern, Flüstern, Brüllen, Kreischen und Schimpfen.
Dazwischen ein Husten und Schniefen und das Quietschen der Bremsen beim Einfahren in die nächste Haltestelle.
Sehnsucht nach Stille.
Ich halte mir die Ohren zu – möchte schreien.
Am liebsten so laut, dass meine Stimme alles übertönt. Sie sollen aufhören – alles soll aufhören.
Alles Laute um mich herum soll schweigen.
Ich mag das Schweigen, die Stille und eine vertraute Stimme, die mich beruhigt.
Ich muss das Außen abschalten. Stille – nur Stille.

An der nächsten Station muss ich aussteigen.
Ich will nicht, dass sie mich berühren. Ich ertrage ihr Berühren nicht.
Das Drängeln, Schubsen, Rempeln, Vorbeihuschen, Anpacken, Zerren und Beiseite-Schieben.
Warum tun sie das?
Jede Berührung schmerzt. Spüren sie das nicht?
Spüren sie nicht, was ich spüre?
Ich will nicht, dass sie mich berühren. Ich ertrage ihr Berühren nicht. Es tut weh.
Ich möchte am liebsten schreien, damit sie endlich aufhören damit.

Und die Gerüche. Ihre Gerüche.
Nach Ledermänteln, regenfeuchter Wolle, Nikotin, Schweiß, Parfüm, Deodorant, After-Shave.
Alles vermischt sich. Zu viel. Zu nah. Zu intensiv.
In mir ist Übelkeit. In meinem Magen, in meinem Bauch und in meinem Kopf.
Ich muss es abschalten – muss alles abschalten – das Außen abschalten.
Im Bahnhof wird alles noch mehr, noch näher, noch intensiver.
Altes Fett, frische Brötchen, Würstchen, Bier, Kaffee, Toilette, Desinfektionsmittel, gegrilltes Hähnchen, Schnaps, Müll.

Dazu Füße, jede Menge Füße und die Rollen der Trolleys. Und Hunde an Leinen.
Ich muss mich konzentrieren, damit ich nicht stolpere.
Über die Füße, die Trolleys oder die Hunde.
Der Boden ist sauberer, seitdem im Bahnhof nicht mehr geraucht werden darf.
Es liegt nicht viel herum zwischen dem Gewirr aus Füßen, Trolleys und Hunden.
Aber ich kann die Füße nicht zählen. Es sind zu viele.
Auch die Trolleys. Einfach zu viele.

Draußen schnappe ich erst einmal nach Luft.
Atmen – Endlich einmal tief durchatmen.
Der Wind ist kalt. Ich spüre, dass ich noch bin.
Fünf Minuten bis zum Büro.

Im Büro ist keine Luft mehr zum Atmen.
Nur stickige Heizungsluft.
Kaffeegeruch. Und Zwiebeln.
Jemand muss gerade aus der Zigarettenpause gekommen sein.
Eine Mischung aus Wolle, Parfüm und Nikotin.
Dazwischen ein sehr aufdringliches After-Shave.
Und der Geruch von Butterbroten.

Ein Telefon klingelt.
Laute Stimmen vermischen sich mit einem Lachen.
Wortfetzen. Unverständliches.
Knarren, Knattern, Klappern.
Und immer noch das Rauschen der Heizung.
Irgendwo rattert ein Drucker – vielleicht sind es auch zwei.
Und das Klimpern auf Tastaturen von sechs Kolleginnen und einem Kollegen.
Es ist neun Uhr. Punkt neun Uhr.
„Sie hören Nachrichten.“
Eine Stimme vom Schreibtisch. Dort steht das kleine Radio.
Ein kurzes „Guten Morgen“, bevor alle Stimmen durcheinander geraten.
Plappern, Flüstern, Schimpfen, Schmatzen.
Dann beginnt das permanente Husten eines Kollegen, das seit Jahren nicht aufhört.
Ich muss es abschalten – muss alles abschalten – das Außen abschalten.
Vor allen Dingen muss ich die Heizung abschalten, die permanent rauscht.
Aber es ist nicht meine Heizung.
„Mich stört das nicht . Ich habe mich längst daran gewöhnt und höre das gar nicht mehr.“
Wie kann man das Rauschen nicht hören, das es mir unmöglich macht, mich zu konzentrieren? Die Ohrstöpsel dämmen das Rauschen nur.
Ich kann Geräusche nicht ausblenden.
Ich muss sie abschalten – muss alles abschalten – das Außen abschalten.

Es ist neun Uhr zwanzig.
Ich brauche Stille und eine vertraute Stimme, die mich beruhigt.
Ich muss das Außen abschalten. Stille – nur Stille.
Ich bin erschöpft von dem zu viel, zu laut, zu intensiv um mich herum.

Ich kann nicht mehr.
Ich kann nicht.
Nicht mehr.