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„Sie haben die letzten 40 Jahre auch ohne Autismus gelebt.“
Dieser Satz geht mir immer wieder durch den Kopf.
Ich habe nicht ohne Autismus gelebt. Nur ohne Diagnose.
Das ist ein großer Unterschied – zumindest für mich.
Aber allmählich begreife ich, was er mir mit diesem Satz sagen wollte.
Wenn ich 40 Jahre (wobei es sich ganz genau um 48 Jahre handelt) ohne Hilfe ausgekommen bin, dann brauche ich diese jetzt auch nicht.
Schließlich habe ich es bisher auch geschafft, alleine zurecht zu kommen.
Ich habe eine abgeschlossene Ausbildung, einen Beruf, einen eigenen Haushalt, ein Kind.

Und nun bin ich plötzlich Autistin und brauche Hilfe?

Ich bin nicht plötzlich Autistin geworden. Ich bin immer schon Autistin gewesen. Exakt seit 17.838 Tagen. Nicht erst, seit ich vor einem Jahr die Diagnose Asperger-Syndrom gestellt bekommen habe.
Obwohl dieser Tag – der 19. November 2009 – für mich auch wie ein Geburtstag war. Der Geburtstag meines Ich-Seins.

Es scheint, als müsse ich mich nun dafür rechtfertigen, dass ich Hilfe brauche.
Und das, obwohl ich – mit Unterstützung – in den letzten Monaten bereits viele Anträge und Formulare ausgefüllt habe mit entsprechenden Schreiben von Fachleuten, die bestätigen, dass ich Hilfe benötige, um meinen Alltag besser und vor allen Dingen weiterhin alleine bewältigen zu können.

Dabei war dieser Schritt einer der schwersten, den ich bisher in meinem Leben gemacht habe.

„Sie haben Ihr Leben bisher auch alleine bewältigt.“
Ja, das stimmt.
Andererseits hat mich niemand jemals nach dem „Wie“ gefragt.
Das war immer selbstverständlich – auch für mich.
Genauso wie die Tatsache, dass Anderssein zu vertuschen.
Jahrelang hat das gut funktioniert – habe ich gut funktioniert.
Funktioniert bis zur Erschöpfung – über die Erschöpfung hinaus.
Angepasst an die anderen, um nicht anders zu sein, nicht aufzufallen.
Immer und immer wieder mit einem Kraftaufwand, der mir erst jetzt bewusst geworden ist, wo die Kraft nicht mehr vorhanden ist, so weiter zu machen wie bisher.
Gespürt habe ich das früher nicht, weil es zum Alltag gehörte – normal war.
Ich kannte es ja nicht anders.
Ich hätte es auch gar nicht gewagt, um Hilfe zu bitten.
Wie hätte ich erklären sollen, dass es Dinge im Leben gibt, die für mich schwierig sind?
Dafür gab es Vermeidungsstrategien, die ich im Laufe der Zeit entwickelt hatte.
Und meine Eltern, die mich immer ganz selbstverständlich unterstützt haben.
Ohne sie wäre ich viel früher an meine Grenzen gestoßen.
Aber alles das wissen die Menschen nicht, die nur vordergründig sehen, was ich erreicht habe.
Das verlange ich von ihnen auch gar nicht.
Aber ich wünsche mir, dass sie erst einmal nach dem „Wie“ fragen, bevor sie sich ein Urteil erlauben.

Ich würde nicht um Hilfe bitten, wenn ich diese nicht benötige.

Anfang des Jahres kam der Zeitpunkt, wo mir klar wurde, dass die Hilfe meines Vaters (meine Mutter ist 1995 gestorben) nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen wird.
Angst stieg in mir auf, verbunden mit dem ständigen Gedanken, die Zukunft alleine nicht bewältigen zu können und zu scheitern.
Ich musste mir eine Unterstützung suchen, um eine Vorhersehbarkeit und damit das Gefühl von Sicherheit wieder zu erlangen.
Die Entscheidung, mir Hilfe zu suchen, war nicht einfach.
Es gab viele Tage, an denen ich diese Entscheidung in Frage stellte.
Aber die Befürchtung, es alleine nicht mehr zu schaffen, war größer als meine Zweifel.
Zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass die Entscheidung für eine dauerhafte Unterstützung noch leicht war im Vergleich dazu, diese Hilfe genehmigt zu bekommen.

Aber mit der Antragstellung stellte ich fest, dass ich mich rechtfertigen muss für die Inanspruchnahme einer Hilfemaßnahme.
Schließlich war ich doch bisher in meinem Leben auch ohne Hilfe zu Recht gekommen.

Dieser Umstand alleine scheint nun auszureichen, meinen Hilfebedarf erst einmal grundsätzlich in Frage zu stellen. Außerdem habe ich meine Diagnose auch erst im letzten Jahr bekommen, was offensichtlich den Rückschluss zulässt, dass ich bis dahin keine Probleme hatte.
Wenn ich meine Chance auf eine Unterstützung bewahren möchte, muss ich mein Innen-Sein bis ins letzte Detail nach außen transferieren.
Nur meine Stärken und Fähigkeiten soll ich verstecken.
Davon darf am Ende nichts mehr übrig bleiben.
Ich bestehe nur noch aus Defiziten.
Wie ich mich damit fühle, danach fragt niemand.
Schließlich bin ich es, die um Hilfe gebeten hat.

Die Würde des Menschen ist laut Grundgesetz unantastbar.
Die Würde eines Menschen, der um Hilfe bittet, offensichtlich nicht.

Ich werde mir meine Würde bewahren.
Ich brauche die Unterstützung im Alltag dringend – aber nicht um jeden Preis.