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Wer zuletzt oder gar nicht lacht, hat den Witz nicht verstanden.
Das hatte ich bereits in der Grundschule herausgefunden, als die ersten Witze erzählt wurden und ich spürte, dass es nicht gut war, einen Witz nicht zu verstehen.
Nur, wer über einen Witz lachen konnte, gehörte dazu. Das Miteinander-Lachen stärkte das Gemeinschaftsgefühl. Ich verstand häufig nicht, was an einem Witz lustig war und warum sich die Anderen derart darüber amüsieren und lang anhaltend lachen konnten.

„Warum lachst du nicht?“
„Hast du den Witz etwa nicht verstanden?“

Nachdem ich einige Male zugegeben hatte, einen gerade erzählten Witz nicht begriffen zu haben, bekam ich Angst. Angst davor, möglicherweise als merkwürdig und dumm vor meinen Mitschülerinnen und Mitschülern da zu stehen. Denn ich hatte mitbekommen, dass sie sich einmal über eine Klassenkameradin lustig gemacht hatten, nur, weil diese – wie ich – Witze häufig nicht verstand oder an der falschen Stelle zu lachen begonnen hatte.
Lachten sie mich deshalb auch schon aus?
Ich wusste es nicht – bemerkt hatte ich es auch bis zu dem Zeitpunkt auch noch nicht.

Also beschloss ich, das Lach-Verhalten meiner Mitschülerinnen und Mitschüler in der Situation, wo ein Witz erzählt wurde, genau zu beobachten. Gab es eine Regel, wann sie zu lachen beginnen würden oder geschah dies eher zufällig und war in Folge dessen unvorhersehbar?
Sehr schnell fand ich heraus, zu welchem Zeitpunkt die Kinder anfingen zu lachen und kopierte ihr Verhalten, in dem ich einfach mit lachte, auch, wenn ich den Witz – wie in den meisten Fällen – nicht verstanden hatte. Und ich stellte fest, dass diese Methode bis auf wenige Ausnahmen funktionierte.

Eine viel größere Herausforderung war es, unter diesen Voraussetzungen selber einen Witz zu erzählen. Da ich die Pointen dieser kleinen Geschichten nicht verstand, konnte ich mir diese auch nicht oder nur bruchstückhaft merken. Versuchte ich, sie dennoch wieder zu geben, lachte meist niemand, weil ich wichtige Details vergessen oder den Witz viel zu umständlich erzählt hatte, was daher rührte, dass ich jenen nicht verstand.

Als sehr merkwürdig empfand ich später Comedy-Serien, in denen ein Witz durch einen eingebauten Lacher vom Tonband als Witz nach dem Motto:
„bitte an dieser Stelle lachen“, kenntlich gemacht wurde. Ich konnte an diesen Stellen in der Regel nicht lachen, weil ich nicht wusste, worüber ich hätte lachen sollen. Ich verstand die Witze nicht. Diese Form des vorgeschriebenen Humors empfinde bis heute ich als sehr befremdlich.

Dabei lache ich gerne.
Mein Humor ist nur anders.

Ich habe schon vom Kleinkindalter an gerne mit Worten gespielt und neue Wörter erfunden.
Über neue und besonders originelle Wortschöpfungen kann ich herzhaft lachen und mich lange und immer wieder an ihnen erfreuen.
Manchmal werde ich dann richtig albern und kann gar nicht mehr aufhören, zu lachen.

Ein Beispiel waren die sogenannten Zungenbrecher (ein Wort, bei dem ich schon lachen muss, wenn ich mir dieses wortwörtlich vorstelle), mit denen ich mich stundenlang beschäftigen konnte und die mich wegen der immer neuen Wortschöpfungen zum Lachen und zum ständigen Wiederholen der oft komischen Wortkonstruktionen brachten.

Außerdem habe ich gerne mit meiner Schwester zusammen Wörter oder ganze Sätze rückwärts gelesen.
Mit dieser Form der Wortspielerei konnte ich mich über Stunden hinweg beschäftigen und herzhaft über die Versuche, diese Worte auszusprechen, lachen. Heute mache ich das noch oft mit meinem Sohn, der dies Sprachspiele auch besonders gerne mag und dann meist keine Ende findet.

Lachen konnte ich auch schon immer dann, wenn die Aussage eines Satzes durch ein falsch geschriebenes Wort oder durch eine fehlerhafte Übersetzung aus einer anderen Sprache ungewollt komisch wird, wie dies bei Bedienungsanleitungen häufig der Fall ist.
Wichtig ist, dass es sich hierbei nicht um das (Aus)lachen wegen des Fehlers handelt, sondern um die lustige Wortschöpfung und den dadurch entstehenden (Un)sinn einer Aussage.

Dazu fällt mir ein Sketch von Loriot ein, in dem eine Fernsehansagerin versucht, den Inhalt einer englischen Serie wiederzugeben, wobei sie sich wegen der komplizierten Namen immer häufiger verspricht bis die Sätze am Ende nur noch ein einziges Wortchaos sind.
Schon beim Gedanken daran, der jetzt während des Schreibens entsteht, muss ich wieder schmunzeln.
Solche Geschichten vergesse ich – im Gegensatz zu den Witzen – nie und kann immer und immer wieder darüber lachen, egal, wie oft ich sie höre.