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Es sind hauptsächlich die Graubrote, deren säuerlichen Geruch ich nicht ertragen kann. Nie ertragen konnte.
Schon als Kind waren mir aus dem Grund Butterbrotpakete, die auf Wanderungen oder Reisen mitgenommen wurden, zuwider. Ich verabscheute den Moment, wenn das Brot aus dem Papier, in welches es eingewickelt worden war, zum Vorschein kam und das Säuerliche in meine Nase stieg. Daher wollte ich von Anfang an nie ein Butterbrot mit in die Schule nehmen – egal, ob in Papier gewickelt oder in einer Butterbrotdose – sondern zog es vor, mir jeden Morgen auf dem Schulweg ein ganz normales Brötchen beim Bäcker zu kaufen und dieses trocken, also ohne jeglichen Belag, in der Pause zu essen.

Leider war ich die einzige Schülerin, die auf dem Schulhof ein nicht belegtes Brötchen aus einer Papiertüte holte und aß.
Die anderen Kinder brachten ihre Butterbrotpakete von zuhause mit und packten diese in der Pause aus. So gab es für mich kaum eine Möglichkeit, diesem Geruch auszuweichen.
An manchen Tagen wurde mir richtig übel davon, so dass ich mir die Nase zuhalten musste.

Ich erinnere mich daran, dass ich mich früher auf Wanderungen mit meinen Eltern nie in der Nähe meiner Mutter aufgehalten habe, wenn diese die in Alufolie eingewickelten Brote aus dem Rucksack nahm und an meinen Vater, meine Schwester und mich verteilte.
Je länger sich die Butterbrote im Papier oder in der Dose befanden, desto extremer war der säuerliche Geruch, wenn sie ausgepackt wurden und mit der Luft in Berührung kamen. Oftmals kam dann bereits ein leicht ranziger Geruch der Butter hinzu, der dafür sorgte, dass ich weglief und nichts mehr essen wollte, auch, wenn ich hungrig war.
Ich verstand nicht, wie andere Menschen diesen Geruch überhaupt ertragen und in ein solches Brot noch hineinbeißen konnten. Ich konnte es nicht.

Diese Geruchsüberempfindlichkeit setzte sich jenseits der Kindheitstage bis in die Gegenwart fort. Noch heute muss ich oft ganz schnell das Büro verlassen, wenn Kolleginnen oder Kollegen ihre Butterbrote in der Frühstücks- oder Mittagspause auspacken, weil ich spüre, wie es mir von dem Geruch übel wird und mein Wahrnehmungssystem durcheinander gerät.
Manchmal reicht es aus, wenn ich lediglich das Fenster öffne, damit das Säuerliche dem Raum entweichen kann. Das hängt von der Intensität des wahrgenommenen Geruchs ab.
Es gibt immer wieder Situationen, denen ich mich sofort entziehen muss, weil die innere Anspannung aufgrund des Geruchs zu groß wird, so dass ich Angst bekomme, diese nicht mehr kontrollieren zu können.

Mitmenschen begegnen dieser Geruchsüberempfindlichkeit häufig mit Unverständnis.
„Stell dich doch nicht so an.“ oder „So schlimm ist das doch gar nicht.“,
sind Sätze, die ich in der Vergangenheit in dem Zusammenhang immer wieder zu hören bekommen habe.
Vielleicht, weil sich niemand vorstellen konnte, wie schmerzhaft ein unangenehmer Geruch für mich werden kann, wenn ich keine Möglichkeit habe, mich diesem rechtzeitig zu entziehen.

Früher habe ich geglaubt, alle Menschen würden ihre Umwelt – und damit auch Gerüche – in gleicher Weise wahrnehmen und genauso empfinden müssen wie ich. Dass es diesbezüglich sehr große Unterschiede gibt, war mir fremd. Selbst heute, wo ich von der unterschiedlichen Wahrnehmung von Menschen weiß, fällt es mir schwer, diesen Punkt zu begreifen und mir vorzustellen, dass jeder Mensch anders und unterschiedlich intensiv riecht, schmeckt, sieht, fühlt und hört.

Daraus resultierend stelle ich mir bis heute die Frage, wer festlegt, welche Wahrnehmung als „normal“ gilt und ab wann man von einer Wahrnehmungsstörung spricht.