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In immer kürzeren Abständen sah ich auf meine Armbanduhr.
Es war sieben Minuten vor 22 Uhr. Zeit, aufzubrechen und in die Stadt zu fahren, wenn wir noch pünktlich sein wollten.
Meine Freundin war in ein Gespräch mit den jungen Männern, die sich vor einer Stunde zu uns an den Tisch gesetzt hatten, vertieft und achtete offensichtlich nicht darauf, wie spät es bereits war. Auch die anderen jungen Frauen, die gemeinsam mit uns unterwegs waren, beteiligten sich rege an der Unterhaltung und lachten.
Ich verstand nicht, was so amüsant an diesem Gespräch war, dessen Verlauf ich wegen des Durcheinanders an Stimmen und Geräuschen nicht folgen konnte. Es waren lediglich Wortbruchteile, die bis zu mir drangen und sich nicht zu einem Ganzen zusammenfügen ließen. Da ich aus diesem Grund nicht in der Lage war, mich an der Unterhaltung zu beteiligen, blieb mir nichts anderes übrig als ihr Ende abzuwarten.

Meine Ungeduld wuchs.
Warum hatten sich die jungen Männer ausgerechnet zu uns an den Tisch gesetzt?
Mir gefiel das nicht. Sie waren gerade dabei, mir den ganzen Abend zu verderben.
Am liebsten wäre ich aufgestanden und alleine losgefahren. Aber ich hatte keinen Autoschlüssel, weil wir uns im Urlaub mit dem Fahren abwechselten und ich an dem Tag nicht an der Reihe war. So blieb mir nichts anderes übrig, als zu warten.
Ich fixierte einen Punkt am Ende des großen Platzes an der Stelle, wo nur wenige Lichter im Hintergrund waren, die mich hätten blenden können und zählte die Minuten, die wir uns verspäten würden. Manchmal hatte das Zählen eine beruhigende Wirkung.
Dieses Mal funktionierte es nicht, weil ich mich dadurch immer weiter vom Ziel entfernt sah. Der weitere Verlauf des Abends wurde unvorhersehbar und meine Unsicherheit wuchs mit jeder Minute.

Je lauter die anderen miteinander sprachen und lachten, desto unwohler fühlte ich mich mitten unter ihnen. Ich war einsam, nicht nur mit dem Wunsch, diesen Ort endlich zu verlassen. Es gab an dem Abend nichts, was mich mit ihnen verband. Sie amüsierten sich, während ich immer häufiger auf die Uhr sah und mich auf nichts anderes mehr konzentrieren konnte als auf die Zeit, die weiter und weiter fortschritt.

Mittlerweile war es 22.38 Uhr.
Um diese Uhrzeit gingen wir sonst immer schon die Hafenmeile entlang zum Stadtzentrum. Als meine Freundin sich kurz zu mir umdrehte, fragte ich sie, wann wir endlich losfahren würden.

„Wir wollten gerade noch etwas zu Trinken bestellen.“
„Fahren wir nicht in die Stadt?“
„Es ist doch sehr schön hier – und so lustig mit diesen Typen.“
„Aber wir wollten um zehn Uhr in die Stadt fahren.“
„Die anderen wollen auch noch bleiben. Wir müssen ja nicht jeden Tag das Gleiche machen.“

Doch, das müssen wir – zumindest ich muss das.
Ich will nicht länger hierbleiben! Ich will gehen und zwar sofort!
Ich will weder etwas Neues zu Trinken bestellen noch ein einziges Wort mit diesen Typen wechseln, die überhaupt nicht lustig sind, sondern mir nur meinen Abend zerstören.

Ich war wütend. Wütend und verzweifelt.
Die Worte meiner Freundin hatten mir den Halt genommen, den ich bis zu diesem Zeitpunkt noch mit jedem Blick auf meine Armbanduhr gefunden hatte.

„Komm. Trink einen Wein mit uns und amüsiere dich.“
„Nein!“
„Bist du schlecht gelaunt?“
„Ja.“
„Weil wir jetzt nicht in die Stadt fahren?“
„Ja.“
„Sei doch nicht kindisch.“
„Ich bin nicht kindisch.“
„Doch, das bist du.“
„Nein.“
„Morgen fahren wir wieder in die Stadt, versprochen.“

Morgen war aber nicht in diesem Augenblick.
Wozu planten Menschen etwas, wenn sie sich doch nicht daran hielten?
Ich mochte spontane Änderungen im Tagesablauf nicht.

Bevor ich noch etwas sagen konnte, hatte sich meine Freundin bereits zu den anderen am Tisch herumgedreht und plauderte mit den jungen Männern, als sei nichts geschehen.
Ich mochte es nicht, wenn sie Englisch sprach. Ihre Stimme hatte dann einen eigenartig hohen und fremden Klang, der mich verunsicherte. Ich mochte überhaupt nicht, wenn sich etwas an ihr veränderte. Das war für mich so, als sei sie plötzlich jemand anderes. So, wie an diesem Abend.

Ich wusste nicht, wie ich die nächsten Stunden würde ertragen können.
Es gab keine Zeitangabe, nichts. Keinen Punkt, an dem ich mich orientieren konnte. In meinem Kopf hämmerte es – wie immer, wenn ich mit einer Situation überfordert war.
Zudem spürte ich eine enorme Unruhe in mir. Ich konnte nicht ruhig sitzen bleiben und warten. Warten darauf, dass wir endlich in unser Appartement fahren würden.
Das konnte noch Stunden dauern, Stunden voller Ungewissheit.

Alles in mir war durcheinander geraten. Die verlässliche Ordnung war zerstört.
Irgend etwas musste ich tun, um mich zu beruhigen.
Ich spielte mit den Fingern an meiner Unterlippe und summte leise eine Melodie vor mich hin – immer und immer wieder. Niemand bemerkte, dass es mir schlecht ging und ich diesen Ort so schnell wie möglich verlassen musste.
Vermutlich hätte es auch niemand verstanden.

Ich erwiderte ihr Good-bye nicht, als sich die jungen Griechen nach Mitternacht von uns verabschiedeten. Sie hatten mir den ganzen Abend verdorben und waren Schuld, dass ich innerlich so angespannt war und diesen Zustand kaum noch aushalten konnte.

Auf der Rückfahrt sprach ich kein einziges Wort, nicht einmal mit meiner Freundin. Das Lachen der vier Frauen machte mich noch unruhiger.
Warum konnten sie nicht einfach ganz ruhig im Auto sitzen?
Am liebsten hätte ich mir die Ohren zugehalten oder wäre beim nächsten Anhalten ausgestiegen.

Ich gehörte an diesem Abend nicht zu ihnen  –  ich war anders – eine Fremde.