Schlagwörter

, , ,

Das Leben in der Welt der Erwachsenen war sehr anstrengend und ich spürte immer häufiger, dass ich eine Pause brauchte, um mich davon zu erholen.
Aber lange Zeit begriff ich nicht, warum das so war und versuchte dieses Gefühl einfach zu verdrängen. Ich wollte nicht anders sein, obwohl ich wusste, dass ich anders war und dieses Anderssein auch mittels Kompensationsstrategien nicht ablegen konnte.

Ich studierte das Verhalten meiner Mitmenschen und übernahm das Erlernte in meinen Alltag, häufig ohne die Handlungsabläufe in ihrer Komplexität zu verstehen. Was anderen Menschen scheinbar mühelos gelang, kostete mich große Kraftanstrengungen.
Ich konnte nicht einfach einmal etwas nebenher machen, sondern musste jede Handlung genau analysieren und so vorbereiten, dass jedes Detail stimmte.
Lange Zeit gelang mir das sehr gut.
Ich funktionierte.

In meinem Denken war ich eine erwachsene, intelligente Frau, in meinem Fühlen hingegen immer noch das kleine Mädchen, welches sehr viele Ängste hatte vor dem Sein in einer Welt, die es häufig nicht begriff.
Niemand sah das kleine Mädchen in mir, welches ich in meinem Inneren immer geblieben war. Es existierte nur tief in mir in meiner Welt, zu der niemand außer mir Zugang hatte.

Die Diskrepanz zwischen Denken und Fühlen wuchs mit zunehmendem Alter.
Während ich mich kognitiv weiter entwickelte, blieb ich gefühlsmäßig auf der Entwicklungsstufe eines kleinen Mädchens stehen.
Die komplexen Beziehungsgeflechte der Erwachsenen waren mir oft beängstigend kompliziert.

Ich benötigte emotionale Sicherheit und Beziehungen mit einer festen und gleichbleibenden Struktur. Diese fand ich nur bei meinen Eltern. Sie waren immer für mich da und halfen mir dort, wo ich Unterstützung brauchte.
Ohne sie wäre ich an einem selbständigen Leben in einer eigenen Wohnung irgendwann gescheitert. Ich weiß bis heute nicht, ob meine Eltern das wussten oder in irgendeiner Weise gespürt haben, gesprochen haben wir darüber nie. Was hätte ich auch sagen sollen, wo ich mein Verhalten und meine Ängste selber nicht erklären konnte.

Für mich war es schwierig genug, ständig mit meinen Grenzen konfrontiert zu werden und Strategien zu entwickeln, jenen Grenzen immer wieder auszuweichen.
War ich damit überfordert, zog ich mich in mein Innen-Sein zurück, in dem kein Außen existierte. In solchen Momenten war ich für meine Mitmenschen unerreichbar.

„Benimm dich nicht wie ein kleines Kind.
Du bist doch eine erwachsene, intelligente Frau.“

Diese beiden Sätze bekam ich dann häufig zu hören, ohne ihre Aussage richtig zu begreifen.
Ich war und bin beides – das Kind in meiner Art zu handeln und die Welt emotional zu begreifen und die erwachsene Frau im Denken und der kognitiven Fähigkeit, Anpassungsstrategien für den Alltag zu entwickeln – damit ich mich in einer Welt, die mich oftmals überforderte, zurechtfinden und behaupten konnte.