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Zum ersten Mal in meinem Leben begegnete ich in einem Buch von Bruno Bettelheim auf der Suche nach einem Grund für mein abendliches Wühlritual dem Wort „Autismus“ als Folge emotionaler Vernachlässigung durch die Eltern.
Diese Definition erschreckte und verunsicherte mich sehr und sorgte dafür, dass ich mich mit Autismus nicht weiter auseinandersetzte, weil dieser Dinge voraussetzte, die bei mir definitiv nicht gegeben waren. Meine Eltern hatten mich in meiner Kindheit nicht vernachlässigt. So legte ich etwas beiseite, was zu mir gehörte, von dem ich aber in dem Moment nicht ahnte, dass es die wesentliche Erklärung für mein Anderssein war.
Ich war siebzehn und litt in der Zeit unter zahlreichen psychosomatischen Beschwerden.
Am schlimmsten waren die Magenschmerzen, die eine Zeitlang sogar medikamentös behandelt wurden.

Ich hatte große Angst davor, erwachsen zu werden. Und diese Angst wuchs, je mehr ich mich dem Abitur näherte und damit dem Beginn eines neuen, unbekannten Lebensabschnittes.
Da es nur einen einzigen Beruf gab, von dem ich eine klare Vorstellung hatte, entschied ich mich dazu, Gymnasiallehrerin zu werden und zu studieren. Das Studium würde eine Fortsetzung der Schulzeit sein, also etwas, was mir nicht fremd war. Zumindest ging ich davon aus.
Meine Eltern unterstützten mich in meinem Vorhaben und waren stolz darauf, dass ich mich zu einem Studium entschlossen hatte.
Den Status Studentin setzte ich damit gleich, weiterhin zuhause in der gewohnten Umgebung zu bleiben und den Einstieg ins Berufsleben noch um einige Jahre hinauszögern zu können.
Dieser Gedanke beruhigte mich und gab mir Sicherheit. Alles würde so bleiben wie es war.

Äußerlich war ich mittlerweile eine junge Frau geworden, was mir jeden Tag bewusst wurde, wenn ich in den Spiegel sah. Aber tief in mir und in meiner Welt war ich noch ein Kind und wollte es auch für immer bleiben, denn mein kindliches Gefühlserleben passte weder zu der kognitiven Reife noch zu dem Körper, in dem ich steckte.

Viele meiner ehemaligen Klassenkameradinnen lebten bereits in einer festen Beziehung, waren von zuhause in eine eigene Wohnung gezogen, studierten in einer fremden Stadt oder machten eine Berufsausbildung. Einige von ihnen hatten noch während der Schulzeit ihren Führerschein gemacht und besaßen mittlerweile einen kleinen Gebrauchtwagen.
Vor alldem hatte ich große Angst, weil es Veränderung bedeutete.
Das Leben in der Welt der Erwachsenen war unvorhersehbar und ich wusste nicht, was in den folgenden Jahren auf mich zukommen würde.

Ich hatte eine Freundin, mit der ich vieles gemeinsam unternahm und meinen ersten Urlaub ohne Eltern in Tunesien verbrachte.
Zum Glück machte es ihr nichts aus, über viele Jahre hinweg jedes Wochenende auf die gleiche Art und Weise mit mir zu verbringen. Unsere Discobesuche waren ein Ritual, welches immer nach dem gleichen Muster ablief und mir Sicherheit gab.
Ich mochte die laute Musik, obwohl ich Lärm sonst nur schwer ertragen konnte.
Sie ermöglichte es mir, meinen Körper zu spüren und mich nach ihrem Rhythmus so zu bewegen, dass sich alles um mich herum drehte, so, wie ich es als kleines Mädchen schon gerne getan hatte. Außerdem verhinderte die Lautstärke der Musik jegliche Kommunikation mit anderen Gästen, welche für mich immer schwierig war. Sprach uns doch einmal jemand an, zog ich mich schnell zurück und überließ meiner Freundin, die offensichtlich kein Problem mit dem Smalltalk hatte, die Konversation.

Manchmal beobachtete ich sie beim Flirten, jener Form nonverbaler Kommunikation, die mir auf Grund meiner mangelnden Fähigkeit, Blickkontakte herzustellen, fast unmöglich war.
In diesen Momenten wurde mir mein Anderssein wieder bewusst. Denn obwohl ich versuchte, das Verhalten meiner Freundin zu kopieren, gelang mir dies fast nie.
Was das Kennenlernen von jungen Männern betraf, hatte ich eine sehr kindlich-naive Vorstellung, die sich nur in meinen Gedanken realisieren ließ.
Das sehr forsche und für meinen Begriff häufig schon aufdringliche Verhalten des anderen Geschlechts verunsicherte mich. Den Wunsch der meisten Männer nach einer verführerischen, jungen Frau konnte ich nicht erfüllen, was Enttäuschungen auf beiden Seiten zur Folge hatte.
Mehr als ein erstes Rendezvous kam in der Regel nicht zustande, weil ich ein Zuviel an Berührungen nicht ertragen konnte und mich entsprechend ablehnend verhielt, was mir den Ruf einbrachte, zickig und verklemmt zu sein.

Beziehungen waren für mich mit so vielen Komplikationen verbunden, dass ich ständig daran scheiterte. Ich begriff die vielen nonverbalen Signale nicht, die sowohl bei der Kontaktherstellung, dem Flirten, als auch später in der Partnerschaft eine wichtige Rolle in der Kommunikation und dem gegenseitigen Verstehen spielten. Ich hatte immer das Gefühl, dass eine Wand zwischen mir und meinem Gegenüber stand, die Nähe verhinderte und stattdessen eine Nähelosigkeit entstehen ließ, der ich nicht entkommen konnte.

Immer wieder versuchte ich, mich in den vielen Büchern, die ich las, wieder zu finden, aber ich fand keines, in welchem die Beschreibung eines Menschen auch nur annähernd auf mich gepasst hätte. So kreisten meine Gedanken weiterhin um mein Anderssein, ohne eine Antwort auf die vielen Fragen zu erhalten. Ich war und bleib eine Fremde.