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Teil 1

Ich wollte nicht erwachsen werden.
Die Vorstellung, irgendwann volljährig und eine Frau zu sein, machte mir in vielfältiger Hinsicht Angst. Ich liebte meine Kinderwelt und die imaginären Freunde, die das Leben darin mit mir teilten.
Zuhause fühlte ich mich sicher und geborgen. Auch, wenn ich nicht immer begreifen konnte, was um mich herum geschah, war mein Zuhause der Ort, wohin ich mich immer zurückziehen konnte, wenn mir das Leben draußen zu viel wurde und ich mich nach Ruhe und Geborgenheit sehnte.
Ich liebte meine Eltern, obwohl mir ihre Welt häufig fremd und ihr Verhalten dadurch unvorhersehbar war. Obwohl sie mein Anderssein verdrängten, akzeptierten und liebten sie mich im Grunde doch so, wie ich war.
Ich konnte mir nicht vorstellen, eines Tages selber eine Familie zu gründen und nicht mehr bei meinen Eltern zu wohnen, die jene Dinge selbstverständlich für mich erledigten, welche ich nicht alleine zu bewältigen vermochte und die mich dort unterstützten, wo ich Hilfe benötigte, ohne jene Frage nach dem „Warum“ zu stellen, die ich ihnen nicht hätte beantworten können.

Jede Form von Veränderung löste große Ängste in mir aus.
Infolgedessen fürchtete ich mich auch vor den körperlichen Veränderungen, welche die Pubertät zwangsläufig mit sich bringen würde. Ich wollte, dass alles so blieb, wie es war – auch an mir und meinem Körper. Ich wollte keinen BH tragen müssen, weil diese eng am Körper direkt auf der Haut liegen und dadurch mein körperliches Wohlbefinden massiv beeinträchtigen würden. Ich war überempfindlich, was das Tragen von Kleidungsstücken betraf und bevorzugte weite, körperferne Kleidung aus anschmiegsamen Stoffen, die mich nicht kratzte oder mit Gummizügen und Nähten versehen war, die mir Schmerzen zufügten und mich unruhig werden ließen, sobald sie mit meinem Körper in Berührung kamen.
Im Vergleich zu einer Hose oder eines Rockes erschien mir ein BH als ein wahres Folterinstrument, welches ich niemals tragen wollte und auch erst sehr spät (Mitte der 80-er Jahre im Alter von über 20 Jahren) zu tragen begonnen habe.
Ebenso wenig gefiel mir die Vorstellung einer zunehmenden Körperbehaarung, welche ich einfach ignorierte. Erst als ich bereits über 30 Jahre alt war, begann ich damit, mir die Beine zu rasieren – allerdings auch nur in sehr unregelmäßigen Abständen, weil mir solche Berührungen sehr unangenehm waren und geblieben sind.

Je älter ich wurde, desto mehr wurde ein erwachsenes Benehmen von mir erwartet.
Mein oft kindliches Verhalten stand dazu in einem krassen Gegensatz.
Ich war verspielt und fühlte mich in dieser Rolle wohl.
Trotz meiner überdurchschnittlichen Körpergröße wurde ich von den meisten Menschen jünger geschätzt als ich es in Wirklichkeit war.

Durch meine wenig körperbetonte sondern eher saloppe Kleidung, die kurzen, widerspenstigen Haare und den schlaksigen Gang wurde ich zu Beginn der Pubertät oft für einen Jungen gehalten. Ich war nicht neugierig darauf, mich zu schminken, so, wie es viele meiner Klassenkameradinnen taten. Erst, als ich mit einer starken Akne zu kämpfen hatte, versuchte ich, die Pickel mit einem dicken, schwefelhaltigen Make-up Puder zu überdecken, was – im Nachhinein gesehen – ungewollt sehr auffällig war, aber nicht schön aussah. Ich fühlte mich nicht wohl in einem Körper, der zu etwas wurde, was ich nicht werden wollte – zu einer Frau.

Während das Aussehen in der Kindheit eine unwesentliche Rolle gespielt hatte, war dies in der Pubertät umso mehr der Fall. Die Beliebtheit eines jungen Mädchens hing zu einem großen Teil von der Attraktivität seiner äußeren Erscheinung ab.
Mädchen wurden zu Konkurrentinnen und versuchten sich gegenseitig in ihrem Aussehen zu übertreffen. Mit diesem Verhalten konnte ich überhaupt nichts anfangen. Ebenso wenig mit dem beginnenden Markenbewusstsein. Mir war es gleichgültig, welche Firma meine Schuhe herstellte. Die Hauptsache, sie waren bequem und drückten nicht.
Modische, enge Schuhe mit hohem Absatz kamen für mich sowieso nicht in Frage, weil ich darin nicht hätte laufen können. Ich hatte keinen damenhaften Gang, wie meine Mutter es früher nannte. So trug ich selbst zu Röcken immer flache und weite Schuhe, derweil die anderen jungen Mädchen – vor allen Dingen jene in der Tanzschule – um jeden Zentimeter Absatz wetteiferten.

Mode und Kleidung war für mich im Gegensatz zu den meisten anderen Mädchen kein Gesprächsthema. Auch die neuesten Frisuren interessierten mich nicht, zumal ich selten zum Friseur ging. Ein Haarschnitt musste praktisch sein, damit ich morgens im Badezimmer schnell fertig war. Durch das abendliche „mit dem Kopf im Kissen wühlen“-Ritual brauchte ich schon lang genug, am nächsten Tag die Knoten aus meinen Haaren zu entfernen.

Die meisten Mädchen, die ich kannte, suchten ihre neue Identität in Modezeitschriften und Boutiquen. In war, wer die neuesten Modetrends mitmachte und für bestimmte Musiker schwärmte. Da gab es nur wenige Ausnahmen.
Ich versuchte – zu dem Zeitpunkt vergeblich – mein Ich und damit eine Erklärung für mein Anderssein, in zahlreichen Büchern zu finden.