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Warum die Diagnose Asperger-Syndrom (AS) bei Mädchen und Frauen häufig schwieriger ist:

  • Die Beschreibung typischer Merkmale und Diagnosekriterien des Asperger-Syndroms basieren fast ausschließlich auf Beobachtungen männlicher Personen mit AS (zum Beispiel bei Hans Asperger).
  • Die Fachliteratur beschäftigt sich in erster Linie mit dem AS bei Kindern, wobei auch dort die Jungen im Vordergrund stehen und typisch weibliche AS-Merkmale fehlen.
  • Frauen erhalten oft lediglich eine Diagnose der AS-komorbiden Störungen wie Depressionen, Angststörungen, Anorexia nervosa, weil deren Auffälligkeit im Vordergrund steht.
  • Frauen mit AS sind häufig sozial angepasster und fallen daher weniger auf.
  • Einige Frauen mit AS entwickeln im Laufe der Zeit immense Anpassungs- und Tarnstrategien, hinter denen sie sich verstecken, um nicht aufzufallen. Sie spielen eine Rolle in einer ausgeprägten Perfektion, um im Alltag zu funktionieren.
  • Ihre Spezialinteressen sind in der Regel nicht so exzentrisch und außergewöhnlich wie jene der Männer mit AS. Viele haben eher für Mädchen typische Spezialinteressen.
  • Einige Frauen mit AS interessieren sich für Literatur und lesen gerne Romane und die klassischen Werke der Weltliteratur (Ich habe diese gelesen, um menschliches Verhalten zu studieren und zu analysieren und um mir Verhaltensweisen anzueignen, die mir wichtig erschienen, um „normal“ sein zu können).
  • Frauen mit AS können in vielen Fällen offener über ihre Gefühle sprechen als betroffene Männer.
  • Frauen mit AS neigen seltener zu körperlich aggressiven Verhaltensweisen.
  • Das Verhalten von Mädchen und Frauen in der sozialen Interaktion wird häufig lediglich mit einer für Mädchen typischen Schüchternheit gleichgesetzt.
  • Stereotype Verhaltensweisen von Mädchen wie Schaukeln, sich im Kreis drehen und Herumwirbeln, Aufräumen und Dinge wie Spielsachen arrangieren werden als normal  und typisch weiblich eingestuft und fallen daher nicht auf. 
  • Die typischen Merkmale des Asperger-Syndroms sind bei Mädchen und Frauen häufig subtiler und in ihrer Intensität weniger ausgeprägt vorhanden.
  • Frauen mit AS sind in vielen Fällen ausdrucksstärker, was Mimik und Gestik betrifft. So können sie z.B. Freude oder Trauer besser nach außen hin zeigen.
  • Viele Frauen mit AS leben in Partnerschaften und haben Kinder.

Diese Liste erhebt natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll nur einen ersten Überblick geben über die Gründe, warum das Asperger-Syndrom aus meiner Sicht immer noch überwiegend bei Jungen und Männern diagnostiziert wird und warum es schwieriger scheint, eine Asperger-Diagnose bei Mädchen und Frauen zu stellen.

Tony Attwood sagt zu der Problematik der Diagnosestellung bei Mädchen folgendes:

„Mädchen fallen durch die Diagnostik, weil sie so gut darin sind, ihre Symptome zu verstecken oder überspielen. Jungen tragen ihre Probleme nach außen, während Mädchen lernen, dass wenn sie in ihrer Rolle gut sind, ihr Anderssein nicht bemerkt wird.  Jungen greifen an und werden aggressiv, wenn sie frustriert sind, während Mädchen im Stillen leiden und passiv-aggressiv werden. Mädchen lernen zu beschwichtigen und zu verzeihen. Sie beobachten Menschen aus der Ferne und ahmen deren Verhalten nach. Nur, wenn man genau hinschaut und die richtigen Fragen stellt, wird man die Unsicherheit in ihren Augen erkennen und sehen, dass ihr Verhalten nur gespielt ist.“

Des weiteren geht Attwood davon aus, dass es sich bei 20 Prozent der jungen Mädchen mit Anorexie (Magersucht) um undiagnostizierte Mädchen mit Asperger-Syndrom handelt.

Quelle: Doctors are „failing to spot Asperger´s in girls“