Schlagwörter

, , , , , , ,

Lange habe ich nicht begriffen, was meine Eltern meinten, wenn sie sagten, ich benähme mich wie ein Elefant im Porzellanladen.
Ich spürte, dass es sich dabei nicht um eine positive Eigenschaft handeln konnte, so zu sein, wie ein Elefant im Porzellanladen, weil dieses Sprichwort häufig einem Schimpfen oder einer Zurechtweisung in einer Situation folgte, in der ich mich in einer mir nicht verständlichen Art und Weise auffällig verhalten hatte. Da ich die Bedeutung jenes Ausspruchs nicht verstand, vermutete ich, dass es auf jeden Fall eine Verbindung zu meiner Statur und meinem Aussehen geben musste.

Vor dem Spiegel fand ich allerdings keinerlei Ähnlichkeit meines dort erkennbaren Gegenübers mit einem Elefanten. Ich war kein dickes Kind, hatte lediglich einen viel zu großen Kopf und am Ende krummer Beine große Füße, die meistens nach innen standen. Mit diesem Erscheinungsbild unterschied ich mich allerdings von den meisten Mädchen meines Alters, die zierlich und klein waren, während ich hochgewachsen und schlaksig war.
Möglicherweise aber nahmen mich meine Eltern anders wahr als ich dies tat.

Es machte mich traurig, mit einem Elefanten im Porzellanladen verglichen zu werden.
Ich fühlte mich behäbig und unförmig, schien ich doch schon alleine durch mein plumpes Auftreten eine Gefahr für so zerbrechliche Dinge wie Porzellan zu sein. Ich wollte nichts zerstören, was ich offensichtlich tat, ohne mir dessen bewusst zu sein. Ich wollte nur so sein wie die anderen Kinder.
Aber das Elefantensprichwort gab mir zu verstehen, dass ich anders war und dass es mir nie gelingen würde, so zu sein wie die anderen.

Daran änderte sich auch nichts, nachdem ich den eigentlichen Sinn dieses Sprichwortes kennengelernt hatte. Für mich machte es keinen Unterschied plump und unförmig oder einfach nur ungeschickt und tollpatschig zu sein. Elefanten waren zudem plump, unförmig und ungeschickt und tollpatschig. Damit gehörten sie zu der Spezies, die in der Lage war, auf Grund ihrer Unbeholfenheit und Ungeschicklichkeit, Porzellan zu zertrampeln.

Ich wollte kein Elefant sein, aber danach fragte niemand.
Daher musste ich versuchen, das Betreten von Porzellanläden zu vermeiden.
Nur stellte sich mir die Frage, wo diese Porzellanläden waren.
Sicher war ich mit meiner Mutter schon einige Male in der Porzellanabteilung eine Kaufhauses gewesen. Aber ich konnte mich weder daran erinnern, dort jemals etwas kaputtgemacht zu haben noch, den Ausspruch während meines Aufenthaltes dort gehört zu haben.

Es existierte demnach eine weitere Bedeutung für dieses Wort – eine übertragene.
Wenn es kein Geschirr war, welches ich durch meine Tollpatschigkeit zerbrach, dann musste es etwas anderes geben, was ich durch meine Anwesenheit beziehungsweise durch mein Benehmen kaputtmachen konnte, denn es war immer wieder die Rede davon, dass ich mich wie ein Elefant im Porzellanladen benahm.
Folglich war etwas an meinem Benehmen falsch. Nur wusste ich nicht, was es war, zumal niemand mit mir darüber sprach.
Ich war einfach anders – daran gab es nichts zu rütteln.
Demnach würde ich auch nicht in der Lage sein, mein Verhalten zu ändern und in Zukunft nicht mehr als Elefant im Porzellanladen durch die Welt zu laufen.

In der Pubertät traf mich dieses Sprichwort besonders, weil es mir immer wieder vor Augen hielt, dass ich niemals das grazile Auftreten eine jungen Dame haben würde, sondern ungeschickt und tollpatschig und damit eine Außenseiterin bleiben würde.
Die Hänseleien Gleichaltriger bestätigten meine Angst, auffällig anders zu sein und wegen meiner Tollpatschigkeit ausgelacht zu werden.

Die Folge war, dass ich mich am liebsten zurückgezogen hätte, weil das Ausgehen mit meiner Freundin häufig zu einem Spießrutenlauf wurde. Eine Tatsache, über die ich damals nie gesprochen habe, obwohl sie mich sehr belastete. Ich wusste nicht, wem ich mich hätte anvertrauen können. Außerdem war es mir peinlich. Daher schwieg ich lieber und ertrug die ständigen Hänseleien bezüglich meines Aussehens und meines Andersseins.
Ich war der Elefant im Porzellanladen und würde es immer bleiben.
Plump, ungeschickt, unförmig, ungeschickt und tollpatschig und damit alles andere als ein hübsches und zierliches, junges Mädchen, das bei allen beliebt sein würde.

Dieser Gedanke manifestierte sich und begleitete mich viele Jahre meiner Jugend und meines jungen Erwachsenseins. Ich mochte die physische Hülle nicht, in der ich steckte und die ich niemals würde verlassen können. Aber ich habe mich nie laut beklagt.
Das wiederum bestätigte mein Elefantsein. Ich hätte eine dicke Haut, sagte man mir nach, weil scheinbar nichts in mein Inneres dringen und mich verletzen konnte. Dabei war ich alles andere als ein Dickhäuter. Ich hatte lediglich im Laufe der Jahre gelernt, mich anzupassen und mein Anderssein zu kompensieren.

Eigentlich war ich der Porzellanladen und viele meiner Mitmenschen die Elefanten, die permanent auf mir herum trampelten, aber das zeigte ich ihnen nicht. Möglicherweise hätten sie dann noch mehr Porzellan zerstört, als sie es bis dahin bereits getan hatten.