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Es gibt Tage, da wünschte ich, mir ein Schild um den Hals zu hängen mit der Aufschrift:

Bitte nicht berühren!

oder ein T-Shirt zu tragen mit den gleichen Worten – möglichst groß und nicht zu übersehen, um mich vor spontanen und ungewollten Berührungen schützen zu können.
Nun, Vorgestern war ein Tag, da glaubte ich, sicher zu sein vor jenen Berührungen, die mir sehr unangenehm sind, weil sie meine taktile Wahrnehmung überfordern und dadurch eine extreme Stresssituation auslösen.
Ich war Gast einer Fachtagung zum Thema Asperger-Syndrom, also unter Menschen, die mit den autistischen Besonderheiten vertraut sein sollten.
Zumindest bei den Referenten setzte ich eine entsprechende Kenntnis im Umgang mit autistischen Menschen voraus.

Der erste Vortrag thematisierte das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS), welches bei vielen Kindern mit Asperger-Syndrom zuerst oder später als komorbide Störung diagnostiziert wird.
Der Referent – Leiter einer Privatschule – sprach über typische Verhaltensauffälligkeiten und die schulische Problematik der Kinder
mit AD(H)S und zeigte mögliche Lösungswege im besonderen Umgang mit diesen Kindern in der Schule auf.
Dabei erwähnte er auch häufige Fehler der Lehrerinnen und Lehrer, welche er anhand von Karikaturen anschaulich demonstrierte.

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, weshalb er im Verlaufe dieses Vortrags seinen Platz vorne verließ und auf das Publikum in den Stuhlreihen zuging. Da ich mich lediglich auf seine Worte konzentrierte, folgte ich seinen Schritten nicht.

Völlig unerwartet spürte ich plötzlich von hinten seine Hand auf meiner Schulter.

Berühren überrannte mich.
Gefühltes überrannte mich wie ein hämmernder Schmerz in meinem Körper.
Chaos drang in mein Inneres.
Meine Hände! Meine Hände! Meine Hände!
Ich durfte die Kontrolle nicht verlieren.
Nicht die Kontrolle verlieren.
Nicht verlieren.
Meine Hände kontrollieren.
Nicht fuchteln – nicht fuchteln – nicht fuchteln!
Bloß nicht meine Hände!
Nein! Nein! Nein!
Dieses Hämmern in meinem Körper.
Eine Kollision des Außen mit dem Innen.
Ich musste ihm ausweichen, bevor er mich noch einmal berührte.
Kein Berühren mehr, das mich wieder überrennen würde.
Kein Außen mehr, welches noch einmal in mein Inneres eindringen konnte.
Ich musste mich zurückziehen.
Ich musste mich in mich zurückziehen.
Ich musste mich ganz in mich zurückziehen.
Kein Außen mehr wahrnehmen bis mein Innen wieder im Gleichgewicht war.
Kein Außen mehr wahrnehmen.
Kein Außen mehr.
Kein Außen.

Erst in der Pause erfuhr ich, dass meine Freundin, die neben mir vorne in der ersten Reihe saß, den Referenten nach dieser unvorhergesehenen Aktion eindringlich gebeten hatte, mich nicht noch einmal zu berühren. Sie berichtete mir auch, dass dieser durch meine heftige Reaktion offensichtlich irritiert gewesen sei.
All jenes hatte ich in diesem Moment nicht wahrgenommen.
Nicht einmal ihre Stimme, die mir sehr vertraut war und die mich sonst immer beruhigte.
Nicht einmal ihre Stimme. Nichts.
Nur diese Berührung.

Warum hatte er das getan?
Warum hatte er mich, ohne vorher zu fragen, an der Schulter gepackt, um auf diese Weise ein pädagogisches Fehlverhalten zu demonstrieren?
War ihm nicht bewusst, dass er sich auf einer Fachtagung zum Thema Asperger-Syndrom befand – einer Veranstaltung, bei der er damit rechnen musste, auch autistischen Menschen zu begegnen?
War es nur Gedankenlosigkeit gewesen oder mangelnde Kenntnis über das Thema Autismus, obwohl er in seinem Vortrag betont hatte, sich auch mit der besonderen Problematik von Schülerinnen und Schülern mit Asperger-Syndrom auseinander zu setzen und entsprechende Lehrerfortbildungen anzubieten?
Theoretisches Wissen alleine reicht nicht aus, solange es nicht konsequent auch in der Praxis umgesetzt wird.

Nicht auszudenken, was geschehen könnte, wenn er sich im Schulalltag einem autistischen Kind gegenüber ähnlich verhalten und dieses aus Unkenntnis oder Gedankenlosigkeit anfassen würde, so, wie er es bei mir getan hatte.

Bitte nicht berühren!

Am letzten Samstag  wäre ein Tag gewesen, an dem  ich mir ein solches Schild gewünscht hätte.