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Unsere Wohnung hatte diesen unverwechselbaren Geruch von Zuhause, den ich mochte. Ich könnte ihn nicht einmal beschreiben, aber er war einfach da, sobald meine Mutter mich an der Tür begrüßte, wenn ich aus der Schule kam und vermittelte mir ein Gefühl von Zugehörigkeit. Selbst, wenn manche Dinge nicht mehr an ihrem gewohnten Platz waren, weil meine Mutter während ich in der Schule war, sauber gemacht oder das Kinderzimmer aufgeräumt hatte, so gab mir der vertraute Geruch die Sicherheit, zuhause zu sein.

Doch es gab Tage, an denen mich diese Vertrautheit nicht empfing.
Stattdessen drang mir ein fremder Geruch in die Nase, welcher sich bereits in der ganzen Wohnung ausgebreitet hatte. Frau T., die in dem Haus für die Treppenreinigung zuständig war, hatte sich am Morgen bei meiner Mutter in der Küche Putzwasser geholt und dabei ihren Geruch hinterlassen, der in allen Zimmern festsaß.
Ich fühlte mich unwohl und in einer Weise fremd, die mich verunsicherte.
Ich war zuhause, aber dieses Zuhause war anders als sonst.
Es roch nicht nach Geborgenheit.
Es roch nach Frau T.
Deshalb mochte ich Frau T. nicht.
Ich wollte nicht, dass sie in unsere Wohnung kam.
Warum konnte meine Mutter ihr nicht einfach einen Eimer Wasser und das Putzmittel vor die Wohnungstür ins Treppenhaus stellen?
Warum ließ sie zu, dass Frau T. ihren Geruch in unsere Wohnung bringen durfte?
Nahm sie die Veränderungen an dem vertrauten Geruch der Wohnung nicht wahr?

Ich schnüffelte in allen Zimmern und suchte nach einem Stück Geborgenheit.
Die Angst war groß, dass auch mein Körper und meine Kleidung diesen eindringlichen Geruch annehmen würden, so dass ich immer und immer wieder an meinen Armen und Händen und an meinem Pullover roch.
Sogar der vertraute Geruch aus der Küche, in der meine Mutter gerade das Mittagessen zubereitete, vermischte sich mit jenem Geruch von Frau T., was mich beunruhigte.
Ich mochte Veränderungen nicht.

Genauso wenig mochte ich es, dass meine Schwester den Geruch von Pferdestall mit in die Wohnung brachte, wenn sie vom Reiten kam. Es dauerte lange, bis ich mich damit abfinden konnte und diesen Geruch nicht mehr als störendes Eindringen in die Vertrautheit unseres Zuhauses empfand.

Leider gab es immer wieder Gerüche, welche die Geborgenheit meines Zuhauses beeinträchtigten und mir Angst machten. Es war eine Angst vor dem Verlust der vertrauten Umgebung, die ich nur als diffuses Gefühl wahrnahm.
Glücklicherweise verschwanden die meisten Gerüche nach kurzer Zeit wieder.

Anders war es, wenn mein Vater in der Wohnung tapezierte und Tür- oder Fensterrahmen strich.
Diese Tage zerstörten auf vielfältige Weise die Vertrautheit, weil sie viele Veränderungen mit sich brachten, die in meinem Inneren ein Chaos auslösten.
Die Struktur des gewohnten Tagesablaufs verschwand und machte das Leben für die Dauer der Renovierung unvorhersehbar.
Hinzu kamen Veränderungen, die zu einem großen Teil dauerhaft waren und an die ich mich nur schwer gewöhnen konnte. Veränderungen, die den vertrauten Geruch in der Wohnung für einige Tage zerstörten und mich zutiefst beunruhigten, weil ich das Zuhause nicht mehr riechen konnte.
Meine Wahrnehmungen gerieten durcheinander und ich war vollkommen irritiert.
Erst die allmähliche Rückkehr des gewohnten Geruchs nach Zuhause ließ mich ruhig werden und stellte die Struktur des Alltags, an der ich mich orientieren konnte, wieder her.

Meine Welt war wieder in Ordnung, weil mein Zuhause wieder nach zuhause und nach Geborgenheit roch.