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„Huhu, Brillenschlange, hier sind wir. Du kriegst uns sowieso nicht!“
Ich mochte nicht, dass sie mich so nannten, nur, weil ich eine Brille trug, die mir oft selber lästig war, weil ich sie ständig auf der Nase spürte. Genauso wenig wusste ich, warum sie sich darüber lustig machten, dass ich nicht so schnell laufen konnte wie sie.
Dafür schrieb ich fehlerfreie Diktate und konnte viel besser rechnen als sie.
Ich wünschte mir, auf meinem Zimmer bei meinen Büchern sein zu können.
Dann müsste ich ihre Hänseleien nicht ertragen, die mir in den Ohren weh taten.

Manchmal stand ich zuhause vor dem großen Spiegel im Flur und betrachtete das Bild von mir, das ich darin sah. Es sah ganz anders aus als jenes, welches ich in meinem Kopf hatte und erschien mir eigenartig und fremd.
Ich mochte es nicht besonders.
Ich mochte mich nicht besonders, weil ich eine Brillenschlange war.
Zumindest sagten sie das immer wieder zu mir.
Es machte mich traurig, aber ich konnte nichts dagegen unternehmen.
Ich schwieg und ertrug ihre Hänseleien.
Sie waren nicht die einzigen, denen mein Anderssein auffiel und die dieses auch laut aussprachen.

„Sehen Sie nicht, dass ihre Tochter einen Wasserkopf hat?“
Das hatte die Ärztin beim Einschulungstest zu meiner Mutter gesagt.
Offensichtlich entsprach ich, wie bei so vielen Dingen, auch hinsichtlich der Kopfgröße nicht der Norm. Dass ich einen sehr großen Kopf hatte, wusste ich, weil mir die meisten Mützen zu klein waren und die Kinderhüte, die ich so schön fand, nicht passten. Aber dass ich einen Wasserkopf haben sollte? Ich wusste nicht einmal, was das war und es machte mir Angst.
Später wurde ich deswegen gehänselt und die Kinder auf der Straße riefen mir
„Wasserkopf, Wasserkopf!“ hinterher und lachten.
Ich konnte mich nicht einmal dagegen wehren.
Schließlich hatte ja genau das auch die Ärztin in der Schule zu meiner Mutter gesagt.

Aber ich bot noch mehr Anlass, sich über mich lustig zu machen.
Da waren meine motorische Ungeschicklichkeit und mein merkwürdiger Gang, mit nach innen gerichteten Füßen, die dafür sorgten, dass ich häufig stolperte, sowie meine Schwierigkeit, Entfernungen abzuschätzen, die immer wieder Auslöser dafür war, dass ich irgendwo gegen lief oder mich an Möbeln oder Türrahmen stieß.
Dass ich nicht besonders sportlich und eher ungelenk war, führte später im Sportunterricht dazu, dass mich niemand im Team haben wollte, wenn wir einen Mannschaftssport spielten und ich immer bis zuletzt übrig blieb, wenn Teammitglieder ausgewählt wurden.
Dieses Verhalten verletzte mich zutiefst, aber ich wusste nicht, was ich hätte dagegen machen sollen. Also schwieg ich und ließ alle Hänseleien still über mich ergehen oder schwänzte später als Jugendliche den Sportunterricht, sooft es möglich war, obwohl ich diesbezüglich ein schlechtes Gewissen und Angst vor einer möglichen Strafe hatte.

Am schlimmsten war für mich, wenn sie in den Bereich eindrangen, der mir wie ein Heiligtum war – mein Wissen. Das war ein Gebiet, auf dem ich besser war als die meisten Gleichaltrigen und in das ich mich zurückzog, wenn ich ihre ständigen Hänseleien nicht mehr ertragen konnte. Als sie auch hier anfingen, sich über mich lustig zu machen und mir „Olle Streberin“ hinterher zu rufen, war ich sehr verzweifelt und verletzt.

Ich spürte immer mehr, dass ich allein und anders war in meiner Art zu sein.
Nur gab es keine Erklärung dafür, außer den vielen Auffälligkeiten, über die zuhause niemand sprach.

„Du bist doch in Ordnung, so wie du bist.“
Die Worte konnten mich  nicht mehr trösten, weil ich längst wusste, dass sie nicht wahr waren.

Offensichtlich war vieles an mir nicht in Ordnung. Sonst hätten andere mich nicht immer wieder mit ihren Hänseleien darauf aufmerksam gemacht.

Im Teenageralter wurde es noch schlimmer.
Ich war ein pubertärer Spätzünder und sehr naiv und zurückhaltend im Umgang mit dem anderen Geschlecht. Das Verhalten meiner Mitschülerinnen empfand ich ebenso merkwürdig wie das der Jungen, welches mich zusätzlich erschreckte und verunsicherte, weil sie eine körperliche Nähe suchten, vor der ich mich fürchtete und der ich aus dem Weg ging.

Zuerst war ich in den Augen der anderen ein Baby, weil ich noch mit Puppen spielte, als sie schon ihre ersten Freunde hatten und später die, die keinen abbekam, weil sie sich so merkwürdig verhielt und hässlich wegen der Pickel und unscheinbar wegen ihrer Art, sich zu kleiden, war.

„Du kannst doch dem Kind mit den krummen Beinen und dem seltsamen Gang keinen Rock anziehen.“

Nichts an mir schien in irgendeiner Art und Weise der Norm zu entsprechen.
Meine Ängste wurden immer größer, dass ich nicht normal sein könnte.
Es gab ja zusätzlich zu all dem noch viele Dinge, die niemand wusste und über die ich auch mit niemandem sprach. Am Ende hätte man mich noch für verrückt gehalten, weil ich Geräusche und Berührungen nicht ertragen konnte, Selbstgespräche führte und mich seit meiner Kindheit abends mit stundenlangen, monotonen Kopfbewegungen in den Schlaf wühlte.
Am schlimmsten aber war, dass ich das Verhalten der Menschen oft nicht verstand und mir vieles im Alltag fremd und beängstigend erschien.

Ich hoffte nur, dass die Menschen eines Tages aufhören würden, mich zu hänseln und über mich zu lachen, nur, weil ich anders als sie war.